Zwei Tage Zimmermädchen

Ich habe es als Kind gehasst mein Zimmer aufzuräumen. Und wenn es fertig war, war ich es auch. Ich habe mich immer gefragt, warum manche Leute so was hauptberuflich machen. Dazu noch für Fremde?! Die Ironie der Geschichte ist, dass ich Journalist wurde um solche Dinge herauszufinden. Jetzt bin ich also doch Zimmermädchen. Zumindest für zwei Tage. Eine Sache vorweg: die machen ihren Job hervorragend, nur wir – die Gäste – meistens nicht.

Meine Redakteurin beim ZDF will, dass ich richtig rangenommen werde, sehen wie hart dieser Job wirklich ist. Kein Schongang für den Reporter. Ich soll leiden, schwitzen, unter Druck stehen, wie es Millionen anonymer Frauen und Männer tun, die in Rekordzeit Hotelzimmer säubern und aufhübschen, damit die Gäste glücklich, die Hotels voll und die Renditen der Konzerne üppig sind. Eine Zweitagesstelle findet sich allerdings nicht so leicht. Die großen Ketten mit tausenden Betten winken alle ab. Für ein TV Experiment sind Hilton und Co. nicht zu haben. Kostet zu viel Zeit. Das Einarbeiten, die Kontrolle bevor der nächste Gast kommt. Wer soll das machen? In diesem Geschäft ist alles durchgetaktet, der menschliche Makel unerwünscht. Zimmermädchen kämpfen um jede Minute, arbeiten am Limit. Also nein.

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Ich bekomme meine  Chance in einem Business Hotel in Baldham bei München. 48 Zimmer, 2 Meeting Räume, gut gebucht, täglicher Bettenwechsel. Kein Streichelzoo, ein Familienbetrieb.  Hier geht vieles noch auf dem kleinen Dienstweg. Auch ein Fernsehreporter, der sich mal als Reinigungskraft ausprobieren will. Ich hänge mich an meine Ausbilderin Karin Wilken, sechzig Jahre alt, eine Seele von Mensch, durch und durch Norddeutsche und Zimmermädchen aus Überzeugung. Ich frage sie, warum sie diesen Job gerne macht. „Ich liebe es wenn, Dinge  fertig sind“, antwortet sie. Alles klar. Ein ausgewachsener Putz- und Aufräumtick. Ihr Schwager sei Arzt und habe gesagt, man müsse es noch nicht behandeln. Zudem kann sie gut mit Menschen. Erkennt Stammgäste bereits am Schlafanzug ohne im Computer nach sehen zu müssen. Die Frau ist gemacht für diesen Job. Punkt.

ZDF Zimmermädchen Frau Wilken

Es geht los. Dreißig Minuten pro Zimmer, länger nicht. Sonst hängt man hinterher. Und wehe ein Gast will früher einchecken als geplant. Ich klopfe, rufe „Zimmerservice“, öffne die Tür. Ein Schwall fahler Luft schlägt mir entgegen. Es riecht nach Schlaf und ungewaschenen Sachen. Typisch, sagt Karin, und reißt beide Fenster auf. Das mache so gut wie kein Gast bevor er sein Zimmer verlasse. Ich versteh’ s nicht. Jeder von uns kippt doch morgens nach dem Aufstehen zumindest für fünf Minuten die Fenster?! Der Marathon beginnt. Erst das Bad. Karin drückt mir einen ausgeblichenen, gelben Mikrofaserlappen und eine Sprühflasche in die Hand. Das sei Spezialzeug. Alles drin. Desinfektionsmittel, Antikalk, Reinigung, Glanzpolitur für Glas, Porzellan, Kunststoff, Chrom und die Armaturen am Waschbecken und in der Dusche. Sehr effizient, biologisch abbaubar, aber bei Dauergebrauch dann doch mit Folgen, wie wahrscheinlich jedes Putzmittel.  Karin  zeigt ihre Finger. Es sind die Hände eines Zimmermädchens. Gepflegt, aber voller Spuren einer langen Karriere in den Hotelzimmern der Welt.

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Ich bin überhaupt nicht zimperlich, habe Hintern abgewischt und Kotze aus dem Auto geschrubbt. Aber das war die Scheiße von alten Leuten, die Kotze von schwerstbehinderten Kindern. Menschen, die damals auf meine Hilfe als Zivi angewiesen waren. Denen es unendlich peinlich war, dass mal was daneben ging. Aber nun stehe ich vor der offenen Kloschüssel eines drei Sterne Hotels in Oberbayern und begutachte die Reste eines großen Geschäfts. Da hat einer die Bürste verweigert. Und zwar in vollem Bewusstsein seines Tun’ s. Denn DAS hier konnte man nicht übersehen. Karin sagt, das sei in jedem dritten Zimmer so. Sie verstehe es auch nicht, aber selbst feine Damen und Herren ließen oft ein kleines Andenken zurück. Spricht es aus und fährt stoisch mit der Bürste in den Rundlauf der Kloschüssel. Zwei Zimmer weiter kommt es noch dicker. Da hat jemand eine benutzte  Erwachsenenwindel im Papierkorb versenkt. Ich fische das Ding raus und werfe es in die große Abfalltüte aus Plastik. Es stinkt bestialisch. Karin grinst nur. Sie hat schon Schlimmeres erlebt. Ein Gast habe mal nach einem Fronteinsatz auf dem Oktoberfest das ganze Zimmer mit seinem Mageninhalt umdekoriert und anschließend versucht, die Spuren zu verwischen. Und zwar mit Handtüchern und Bettlaken. So was muss man mögen.

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Karin checkt das Bad noch mal durch. Ich komme mir vor wie bei „ich sehe was, was du nicht siehst“. Der Frau entgeht noch nicht mal der kleine Wasserfleck auf der Rückseite der Stange an der die Brause fest gemacht ist.  Der Gast, sagt sie mahnend, dürfe nie das Gefühl haben es sei schon jemand vor ihm hier gewesen. Ein Hotelzimmer müsse aussehen wie ein Erstbezug. Punkt.

Ich sehe auf die Uhr. Mist, viel zu viel Zeit im Bad vertrödelt. Schnell die Betten abziehen und neue Laken drauf. Hier versage ich auf ganzer Linie. Ich bekomme es zu Hause ja gerade noch so mit  Spannbettlaken hin, aber die Falttechniken mit denen Zimmermädchen diese makellosen Träume in faltenfreiem Weiß hinzaubern, sind mir ein Rätsel. Ich kapituliere. Karin schüttelt den Kopf und macht es selbst.

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Ich staube ab und sauge derweil durch. Alles im Galopp und mit hochroter Birne. Wo ist die Minibar? Mit der kenn ich mich aus. Gibt’s nicht mehr, sagt Karin. Sei in den meisten Hotels abgeschafft worden, weil ein Verlustgeschäft. Ich kann’ s nicht glauben. Wie kann man Verlust machen wenn die für ein paar Nüsschen und ne Cola zehn Euro verlangen?! Weil beschissen wird, dass sich die Balken biegen, sagt sie.  Es habe reihenweise Gäste gegeben, die die leere Bierflasche mit Wasser wiederbefüllt, und danach in liebevoller Kleinstarbeit den Kronkorken zurück auf den Flaschenhals gedrückt hätten. Ich kann das nicht glauben, aber Karin verzieht  keine Miene. Es wird noch besser. Manche Gäste füllen den Inhalt des befestigten Shampoo Spenders in der Dusche in ihre eigenen Shampoo Plastikdinger um. Alter Schwede… ich hatte mal ein schlechtes Gewissen weil ich vor Jahren diese weißen Hotel-Hausschuhe mit Pappsohlen habe mitgehen lassen…

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Bilanz: ich schaffe noch nicht mal ein Drittel der Zimmer, die ich hätte schaffen sollen und bin vollkommen im Eimer. Ein Zimmermädchen legt während einer Schicht bis zu sieben Kilometer zu Fuß zurück. Immer im Stechschritt. Immer im Stress. Karin ist sechzig und steckt das scheinbar noch locker weg, ich bin Mitte dreißig und sehe aus wie Keith Richards nach sechs Stunden im Dampfbad. Karin empfiehlt eine Dusche und viel Schlaf. Peinlich, aber so ist das mit uns Bürohengsten.

Ich habe fast immer ein paar Euro aufs Kopfkissen gelegt bevor ich ein Hotelzimmer verlassen habe. Aber ich hab’ s auch ein paar Mal vergessen. Wird mir nicht mehr passieren nach diesen zwei Tagen. Es ist einer der härtesten und wohl auch undankbarsten Jobs der Welt. Fast niemand kennt ihre Namen, sie sind meist unsichtbar. Sie kümmern sich um unser Bett, unser Badezimmer, sogar unsere Klobrille und sind längst weg, wenn wir uns auf ihr perfekt angerichtetes Kopfkissen fallen lassen…

 

4 thoughts on “Zwei Tage Zimmermädchen

  1. Schön das so etwas mal öffentlich gemacht wird! Ich habe Jahrelang auf Etage gearbeitet, zwar nicht als Zimmermädchen aber als Assistentin der Hausdame. Wir sind die unsichtbaren guten Geister eines jeden Hotels. Aber leider werden wir auch nicht bedacht wenn die Gäste einchecken und auschecken. Traurig aber wahr! Daher hoffe ich das mit diesem, sehr gelungen, Beitrag den Menschen klar gemacht wird was das für ein Knochejob ist und die Jungs und Mädels in Zukunft etwas besser zu würdigen wissen.

  2. Ja vielleicht verstehen andere Leute dann einmal was für ein Knochenjob die Hotellerie/Gastronomie ist…und wir trotzdem (fast) immer ein Lächeln für den Gast haben, führt er sich auch noch so auf 😉

  3. Lieber Florian,
    wie immer toll geschrieben und die Realität auf Papier gebracht!
    Wir freuen uns auf die ZDF Beiträge bei Volle Kanne am 3. und 4. April zwischen 9.00 und 10.30 Uhr!
    Dein Team vom 1A Business Hotel

  4. Es ist tatsächlich so wie es da beschrieben wird.Gäste dürfen Hotels bewerten…..wäre schön ,wenn wir mal Gäste bewerten dürften 😉

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