Abenteuer Ecuador 2012 – Folge 2

Ganze drei mal reise ich in meiner ersten Woche Ecuador zum Mittelpunkt der Erde und lande zwei mal am falschen Fleck. Ich küsse den sanften Nacken des Mondes und löffle meine erste Locro. Teil Zwei meines Reiseberichts enthüllt die kälteste Braut der Welt und den Betrug um den absoluten Nullpunkt.

Der Südamerikaner an sich ist ein echtes Schätzchen. Freundlich, hilfsbereit und trotz riesiger Lücken in der Kauleiste immer ein breites Lächeln im Gesicht. Aber überall wo’ s weiße Touristen gibt, gibt’s eben auch schwarze Schafe. Ich nehme es sportlich. Wenn man hier über’ s Ohr gehauen wird, geht’ s in der Regel nur ein paar Dollar – und der Nutznießer kann jeden Cent gebrauchen. Wenn ich nicht beschissen werde gebe ich so oder so ein anständiges Trinkgeld. Am Ende läuft’ s also auf Dasselbe hinaus. Manchmal geht es aber trotzdem um’ s Prinzip. Beim Taxi fahren zum Beispiel. Eine Fahrt innerhalb der Altstadt sollte nicht mehr als einen oder zwei Dollar kosten. Die Jungs hier lassen aber gerne mal das Taximeter aus und berechnen am Ende das Dreifache. Einfach vorher fragen was es kostet und den Preis fixieren. Der Fahrer macht lieber den handelsüblichen Deal als gar keinen.

Richtig unschön ist allerdings der Beschiss um den „Mittelpunkt der Erde“. Hier geht’s nicht nur um’ s Geld, hier geht’s um vorsätzlichen Betrug. Und bei so was bekomme ich echt schlechte Laune. In Quito rühmen sich tatsächlich drei oder mehr Touristenattraktionen der Mittelpunkt der Erde zu sein, der absolute Nullpunkt, die Mitte der Mitte der Mitte. Aber wer hat Recht? Ich war nie eine Leuchte in Physik und Astrologie, aber ich versuch’ s mal. Ecuador heißt Ecuador weil es auf dem Äquator liegt. Der wird natürlich überall im Land gegen Eintrittsgeld präsentiert. Eine schmale Linie welche die Nord- von der Südhalbkugel trennt. Die darf man fotografieren, man kann drauf laufen oder drüber hüpfen. So weit so gut. Warum aber liegt Ecuador nicht nur vertikal sondern auch horizontal auf einer Nulllinie? Warum haben sich Geographen aller Herren Länder ausgerechnet hier auf den Mittelpunkt geeinigt? Weil nur hier hohe Berge auf der äquatorialen Linie stehen! Und hohe Berge sind ungemein wichtig wenn’ s um Geographie, Astrologie und so weiter geht. Die laufen nämlich nicht weg. Fixpunkte am Horizont also. Und hat man drei davon plus Sonnenlicht lässt sich allerhand bestimmen. Blöderweise hat die Tourismusbranche im entscheidenden Moment weggehört und Pi mal Daumen den Mittelpunkt aller Mittelpunkte in den Norden Quitos gelegt. Dorthin wo sich ohnehin ein Haufen Ausländer tummeln. Um die Sache klar zu machen wurde vor Jahrzehnten noch ein richtig fettes Monument hingebaut damit der doofe Touri, nachdem er 3Dollar50 Eintritt bezahlt hat, auch was vor die Linse bekommt. Dann aber kamen irgendwann ein paar kritische „Experten“ (vermutlich von einer konkurrierenden TouristAgency) auf den Gedanken mal mit GPS nach zu messen, und siehe da: der Mittelpunkt der Erde befindet sich „in Wirklichkeit“ zweihundertvierzig Meter weiter links. Ooops. Also wurde fix ein zweiter Park gebaut, mit Restaurants, Würstchenbuden und T-Shirt Shops. In diesem zweiten Park werden allerhand Tests präsentiert, die beweisen sollen dass der Nullpunkt ungemeine Auswirkungen auf die alltägliche Physik hat. Wenn man zum Beispiel in einem Waschbecken den Stöpsel zieht und das Wasser ablaufen lässt gibt es keinen Strudel. Zwei Meter weiter links, auf der „Nordhalbkugel“ aber sehr wohl. Wow! Leider alles Blödsinn, ein Jahrmarkttrick. In gleichmäßigen Waschbecken auf ebenen Flächen entstehen grundsätzlich keine Strudel. Stellt man den Wasserbehälter allerdings nur ein leicht abschüssiges Gelände kommt es schnell zu Verwirbelungen im Ausguss. Ich war erst mal natürlich genau so baff wie alle anderen, habe aber wenige Tage später – am wahrhaften Mittelpunkt der Erde– gelernt wie man uns übers Ohr gehauen hat. Ist im Grunde genommen kein Beinbruch, ich schaue mir ja auch den Mann mit den zwei Köpfen auf dem Oktoberfest an, aber dass wir Touris zu zwei falschen Mittelpunkten gekarrt werden und jeweils einen Fünfer und mehr abdrücken, geht mir gehörig auf die Klöten. Da hilft nur ein (völlig überteuertes) Corona in der „Middle of the Earth Bar“. Das wiederum strudelt sehr… und zwar direkt in meinen Rachen hinunter. Der echte Mittelpunkt liegt übrigens weit draußen im Norden. An einer staubigen Straße zwischen Quito und Otavalo. Eher unspektakulär und ohne Eintrittsgeld, dafür mit einem übereifrigen jungen Wissenschaftler der jedem Besucher (davon gibt es leider nicht viele hier) verständlich und höflich erklärt was es mit diesem Nulllinien Dingsbums auf sich hat. Danke dafür.

Den finalen Beweis für uns Mitteleuropäer liefert übrigens das Navi von Juan. Die Längen- und Breitengradanzeige lautet an diesem Ort unmissverständlich 0-0.

Wer sich ins ecuadorianische Inland aufmacht tut das weil er Vulkane sehen will. Kein Ort der Welt präsentiert sie in einer solchen Dichte wie dieses südamerikanische Juwel zwischen Kolumbien und Peru. Einige sind noch aktiv, immer wieder kommt es zu Eruptionen. Den katholischen Ecuadorianer scheint das aber nur bedingt zu stören. Gott wird’s schon richten. Daher bauen viele ihre Bauernhöfe auch direkt in den fruchtbaren und ebenen Krater. Senior „Freddy“, ein Siebzigjähriger im Poncho, dessen trübe Augen in einem Ozean der Weisheit zu schwimmen scheinen und der vermutlich fast so blind ist wie sein Hund welcher ihn auf Schritt und Tritt begleitet, blickt zuversichtlich in die Zukunft. Sein Hausvulkan (ich habe den Namen auf der Karte leider nicht mehr gefunden) wird von den Wissenschaftlern zwar noch als aktiv eingestuft und steht unter andauernder Beobachtung, schlummert aber seit Jahrhunderten ohne ein einziges Bäuerchen vor sich hin.

Der spektakulärste Feuerspucker im zentralen Ecuador ist der Cotopaxi. Er gehört zu den höchsten Vulkanen der Welt. Sein schneebedeckter Krater ragt auf knapp sechstausend Metern Höhe in den stahlblauen Himmel südwestlich der Hauptstadt.

Wer ihn bezwingen will muss drei Tage Höhentraining absolvieren und mit entsprechender Ausrüstung plus Führer anreisen. Alles andere als ein Spaziergang, jedes Jahr kommen hier Menschen ums Leben. Ich habe allerdings weder Zeit noch Muße dieses Wagnis in Angriff zu gehen. Ein solcher Trip ist etwas für Leute die jedes Jahr einen Alpengipfel nach dem anderen erklimmen, mit Steigeisen und allem drum und dran. Aber es gibt da noch die „kleine Tour“. Heißt, mit dem Jeep auf etwa viertausendfünfhundert Meter, dann zu Fuß auf vieracht ins Basislager der Bergbezwinger und dann – je nach Kondition und Wetterbedingungen – noch mal etwa fünfhundert Höhenmeter bis zur Gletschergrenze. Allein dieser Weg ist für den durchschnittlichen Mitteleuropäer einer bis an die Grenzen körperlicher Belastbarkeit. Wir wollen es wissen. Also steht Juan morgens um 6 in Wanderstiefeln und Flanelljacke an der Hotelrezeption um uns den „sanften Nacken des Mondlichts“, so nennen ihn die Einheimischen, persönlich vor zu stellen. Zwei Stunden später rumpeln wir mit einem uralten Pickup den Berg hoch. Es ist nasskalt, trüb und die Baumgrenze verschwindet hinter einem satten Nebel. So wie meine Hoffnung den Berg überhaupt vor die Linse zu bekommen. Aber Juan schenkt mir ein aufmunterndes Lächeln. Der Cotopaxi sei zwar die meiste Zeit verhüllt wie eine Braut vor der Trauung, aber heute habe er ein gutes Gefühl.

Der Südamerikaner behält Recht. Nur wenige Augenblicke später, auf einem Seenplateau in knapp dreitausendsechshundert Metern Höhe, durchbrechen wir die graue Suppe und glotzen wie betäubt auf dieses Wunder der Anden.

Die Sonne brennt in dieser Höhe nahezu ungefiltert auf unsere Haut, der eiskalte Wind bläst in Orkanstärke, aber all das ist vergessen wenn der Berg unverhüllt sein bestes Stück, den schneebedeckten Krater, gen Himmel streckt als wolle er uns sagen „Nimm mich, wenn Du kannst“. Alles klar. Ich komme, Schätzchen! Zwanzig Minuten später stampfen wir keuchend und gegen die Böen ankämpfend ein Geröllfeld hoch. Ziel ist das kleine Basislager auf Viertausendachthundert.

Es sind nur knapp dreihundert Höhenmeter, aber die kosten Dich eine Stunde und beide Lungenflügel. Ich pfeife wie ein Bauarbeiter nach dreißig Jahren Rothändle. Jeder Schritt ist ein Sieg gegen den inneren Schweinehund, jede Pause ein Schrei nach Sauerstoff. Ich fürchte meine roten Blutkörperchen werden mir das niemals verzeihen. Der Lohn unserer Mühen ist eine heiße „Locro“, die traditionelle ecuadorianische Kartoffelsuppe.

Das Leben kann so schön sein wenn man was gerissen hat. Juan und Kris beschließen es gut sein zu lassen und die Sonne zu genießen. Ich will weiter bis zur Gletschergrenze nur wenige hundert Meter unterhalb des Gipfels. Die Bedingungen sind gut, die Aussicht bestimmt toll – also keine Gefahr. Die folgenden neunzig Minuten meines einsamen Aufstieges bleiben allerdings besser unkommentiert da würdelos. Ich verfluche den Berg, ich verfluche mich. Ich krabble auf allen Vieren Richtung Krater und sehe dabei mit meiner Strickmütze aus wie Großmutter auf dem Weihnachtsmarkt.

Aber ich ziehe es durch – bis zur Schneegrenze wo ich nicht mehr weiter komme. Einmal durchschnaufen, das Eis des Gletschers anfassen, den Blick über den Wolken genießen und wieder zurück marschieren.

Als ich unten ankomme gibt’s Applaus und bewundernde Blicke von anderen Basiscamp-Suppenlöfflern. Hat sich doch gelohnt! Hauptsache den anderen Touris gezeigt dass Deutsche keine Weicheier sind*

Ich rechne mit schwerem Muskelkater am nächsten Tag aber erstaunlicherweise hält sich mein Gestell gut. Es geht mit dem Auto Richtung Otavalo – zum berühmten Indian Market. Die drei bis sechsspurigen Straßen sind frei außerhalb der Stadtgrenzen von Quito, trotzdem hält sich jeder brav an die vorgeschriebene Geschwindigkeit und den Abstand zum Vordermann. Beeindruckend, aber warum? Macht doch bei uns auch keiner?! Achtung, hier kommt die Lösung: in Ecuador wurde erst vor wenigen Wochen zum ersten Mal in der Geschichte der hiesigen Straßenverkehrsordnung eine Art Punktesystem à la Flensburg eingeführt. Heißt, ab sofort kann man auch hier seinen Führerschein verlieren. Ganz was Neues für die Südamerikaner. Finden auch alle doof – vom Taxi- bis zum Truckfahrer. Regeln im Straßenverkehr? Hatten doch bisher nur die Europäer und Amis!

Der „Indian Market“ in Otavalo ist eine Enttäuschung, eine offensichtliche Touristenfalle. Wahrscheinlich verdient der Verkäufer am Stand drei Dollar am Tag und verkauft Stangenware die vermutlich von den selben Leuten produziert wird welche auch Armbänder mit Tierkreiszeichen oder Manchester United Schals in millionenfacher Auflage (in China?!) herstellen. Ooooops, da ist einer- direkt neben denen mit Real Madrid- und Barcelona Aufnähern. Angepriesen von der armen Wurst im Poncho… wobei man fairerweise sagen muss dass es auch in Ecuador ein Fußballteam mit dem Namen FC Barcelona gibt… trotzdem, der Markt ist ein Reinfall. Also schnell ein Bierchen kippen und ab aufs Land, wo das wahre Leben Südamerikas tobt.

Fortsetzung folgt…  

 

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