Abenteuer Ecuador 2012 – Folge 4

Wer mit großen Fischen schwimmen will und mit nur einer Rolle Klopapier klar kommt, ist hier richtig. Der letzte Teil meiner Ecuador Reise nimmt Euch mit in die Wasser von Galapagos, auf die sanften Hügel von Baños und in eine Bartoilette mit besonderer Ausstattung. Viva la vida!

Der Flug nach Galapagos geht früh, sehr früh. Um sechs stehen wir mit einer Gruppe aufgedrehter amerikanischer Frührentner in der Schlange. Ich kucke mir die Kofferbändchen an. „Wildlife Adventure Tours“ oder so ähnlich. Logisch, Galapagos findet sich nicht bei Neckermann oder TUI, Galapagos ist was Besonderes. Ein Exot unter den Reisezielen, im Feuer geboren, auf Vulkanstein  gewachsen, Weltnaturerbe der UNESCO, Wiege der darwinschen Evolutionstheorie und Epizentrum aller Sehnsüchte sämtlicher Naturliebhaber dieses Planeten.

Die romantische Vorstellung dieses so einmaligen Ortes löst sich allerdings ruckzuck in Luft auf wenn die zweihundertseelen-Boing nach einem dreistündigen Flug auf dem winzigen Inselflughafen von San Cristóbal aufsetzt. Die Kleinstadt mit Anschluss an den internationalen Flugverkehr präsentiert sich nicht sehr viel anders als eine Hafen-Vergnügungsmeile auf Gran Canaria. TShirt- und Souvenirshops, Bars, Discos, Tattoostudios und Eisdielen. In zweiter Reihe heruntergekommene Internetcafés und vereinsamte Wechselstuben. Wäre da nicht der schnarchende Seelöwe an der Treppe zu unserem Pier gewesen, hätte ich mich ernsthaft gefragt ob die uns nicht aus Versehen am hässlichen Ende von Venice-Beach rausgelassen hätten– wobei Seelöwen  gibt’s auch in Venice. Nein, wir sind schon richtig hier. Und gleich würde es auch sehr viel besser und schöner und überhaupt absolut traumhaft versichert uns Edwin, der Tauchführer der Galapagos Sky, ein Expeditionsschiff und unser Zuhause für die kommenden sieben Tage.

Um das kurz vorweg zu nehmen: Galapagos ist der Mount Everst der Taucher. Wer mit großen Fischen schwimmen möchte ist hier richtig. Das will ich, und  das wollen auch die anderen an Bord. Die „Anderen“… immer so eine Sache auf Tauchsafaris. Ich verbringe eine Woche auf engstem Raum mit zehn anderen Menschen von denen ich nicht weiß ob sie mir eine gute Zeit bescheren oder den Tag versauen. Wir haben Glück. Unser Team ist super. Mit von der Partie sind ein holländischer TV-Star mit seinem zweimeterhohen Sohn, ein spanisches Ehepaar mit

Profiausrüstung, zwei schwule Amerikaner von denen der eine vorige Woche den amerikanischen IronMan als neuntbester seiner Klasse gelaufen, geradelt und geschwommen ist. Außerdem ein deutscher BASFler im Ruhestand mit Tochter, ein Südstaatler mit Stiefsohn, sowie ein britischer Laborant der hauptberuflich  für die Polizei Drogen auf Reinheitsgehalt testet, sich diese Reise allerdings nicht von seinem Salär sondern über Gewinne bei Kreuzworträtselwettbewerben finanziert hat. Sachen gibt’s, die gibt’s gar nicht. Wir legen ab und tausend Träume in tiefem Blau gehen in Erfüllung. Ich bin leidenschaftlicher Taucher, die sind noch schlimmer als passionierte Golfer weil sie über nichts anderes reden sobald man sie nach ihrem Hobby fragt. Ein Alptraum für Außenstehende. Ich würde mir selbst eine schmieren,  müsste ich mir bei meinen ausschweifenden Erzählungen über Tauchgänge zuhören. Also lasse ich es und zeige Euch einfach meine schönsten Momente – ohne ein einziges Wort darüber zu verlieren. Worte beschreiben dass was ich an diesem Ort gesehen habe ohnehin nur bedingt. Genießt einfach die bewegten Bilder die ich Euch mitgebracht habe. Bilder einer marinen Enklave wie sie die Natur nur ein einziges Mal hervorgebracht hat.

Großartig, oder? Ich kenne keine Beschäftigung die so dermaßen entschleunigt. Könnte ich noch einmal von vorne anfangen, ich würde als hauptberuflicher Unterwasserfilmer anheuern. Drei absolute Superstars haben es übrigens leider nicht in den Film geschafft. Sie waren zwar da, meine Kamera leider nicht. Die lag schon im Schlauchboot als ich noch im Wasser getrieben bin um meine Ausrüstung ab zu legen. Da schreit plötzlich der Ecuadorianer auf dem Zodiac wie am Spieß und fuchtelt mit beiden Zeigefingern direkt in meine Richtung. Es dauert ein paar Sekunden bis ich verstehe was er Ron und mir sagen will. KILLLLLLLLER WHAAAAAAAAAALES. Alter Schwede, Orcas im Rücken und ich blase seelenruhig meine Maske aus. Jetzt muss es schnell gehen. Ich drücke mir die Gläser ins Gesicht, stecke mein Mundstück wieder rein, flute den Anzug und sinke.  Es dauert nur den Bruchteil einer Sekunde bis ich begreife was hier los ist. Zwei ausgewachsene Killer-Wale mit Kalb kommen neben uns hoch um Luft zu holen. Da bleibt einem nicht nur die Luft sondern auch das Tageslicht weg. Ihre rabenschwarzen Köpfe schieben sich vor die Nachmittagssonne, die sich diffus im aufgewühlten Wasser des Pazifiks bricht. Drei Schattenwesen von immenser Leibesfülle und Kraft beäugen einen adrenalin- und serotoningebeutelten  Mitteleuropäer, der in diesem Moment bemerkt das er verdammt noch mal ein paar wesentliche Muskelpartien in den Griff bekommen sollte, sonst muss der Neoprenanzug in die Reinigung. Ich weiß nicht mehr wie lange diese Begegnung angedauert hat. Vertraut man den Gesetzen der Natur und dem Verhalten dieser scheuen Tiere dürften es nur wenige Sekunden gewesen sein. Aber für mich bedeutete dieser Moment alles und für immer. Drei Orcas in freier Wildbahn und unmittelbarer Nähe. Eigentlich kann ich jetzt auch gleich den Löffel abgeben und dem Schöpfer entgegen treten. Er hat mir immerhin ein Date mit seinen wohl  beeindruckendsten Schwergewichten verschafft. Das ist besser als jeder Lottogewinn. Ganz sicher.

Zurück auf ecuadorianischem Festland, der Boden schwankt. Das wird auch noch für unsere letzten Tage hier so bleiben, haben die Nachwehen von Seereisen an sich. Wir fahren Richtung Süden, nach Baños. Ein kleines Bergdorf inmitten sanfter Hügel, eingebettet in dichten Urwald und (natürlich) am Fuße eines höchstaktiven Vulkanes.  Bei Touristen sehr beliebt weil A traumhaft schön, B spottbillig und C voller adrenalingeschwängerter Beschäftigungsmöglichkeiten. In und um Baños herum kann man den ganzen Tag von Brücken springen, sich an Seilen durch Baumwipfel hangeln, mit Mountain Bikes das Speed Limit missachten oder in großen Schlauchbooten reißende Flüsse bezwingen.  Wandern geht hier natürlich auch aber das macht kaum einer weil zu langweilig. Dementsprechend jung und international ist das Publikum. Wir quartieren uns in einer Privatpension ein. Jacky und Igor sind verheiratet, haben zwei Kinder, zwei Hunde und Gott sei Dank den „Google Translator“ auf ihrem kleinen Rechner  im Frühstückraum. Sonst hätten wir vermutlich jeden Morgen zwei Stunden gebraucht um mit Händen und Füßen klar zu machen was weichgekochte Eier, Käse und Marmelade sind (Ja, das gibt’s hier alles!). Zudem sind die beiden unendlich entspannt. als die Vulkansirene über der Stadt ertönt – und zwar so dass die Hotelwände wackeln – gießt Jacky noch mal seelenruhig Kaffee nach um eine viertel Stunde später die Jalousien beiseite zu schieben und das Bäuerchen des Hausvulkans auf Dringlichkeit zu prüfen. Alles easy, sagt sie. Ausserdem befänden wir uns im Falle eines Falles innerhalb der „Sicherheitszonen“.  Wenn der Tungurahua tatsächlich Feuer und Stein  spucken sollte, seien wir immerhin nicht die ersten die dran glauben müssten.  Beruhigend. Zumal es wenige Wochen nach unserem Aufenthalt in Baños tatsächlich zu einem gewaltigen Ausbruch kommt und die ganze Stadt evakuiert werden muss.

In diesen letzten Tagen lerne ich noch mal jede Menge über den Südamerikaner. Baños ist zwar touristisch aber eben auch klassisch kleinbürgerlich und noch immer ein bisschen für sich.

Der ecuadorianische Einzelhändler beispielsweise muss flexibel sein um sein Überleben zu sichern. Heißt, neben dem primären Warenangebot bedarf es zwingend noch einiger alternativer Dienstleitungen. Je abstruser die Kombi, desto besser. Heute zum Beispiel entdecke ich einen DVD-Laden dessen Besitzer im Verkaufsbereich nebenbei noch eine Änderungsschneiderei betreibt. Kein Scherz, neben den Regalen mit den offensichtlich  illegal raubkopierten Filmen sitzt der Chef und macht gerade einen Blazer schmaler. Apotheken hier bieten übrigens grundsätzlich auch Haargel und Sonnenbrillen an. Und in einem Laden für Strickwaren finden sich doch tatsächlich noch 16Gigabyte Spiegelreflexkamera-Speicherkarten und Fotoaufsteller. Ich vermute schwer dass so mancher Betreiber nebenbei noch überflüssige Weihnachtsgeschenke von der Schwiegermutter verscherbelt. Auch die Verkaufsstrategie ist für den Mitteleuropäer manchmal nicht immer gleich durchschaubar. In einem Sneakerladen haben sie einen hölzernen Gartenzaun an die Tür gebaut. Der Kunde betritt das Geschäft also nicht, er steht auf der Straße und bekommt die Schuhe seiner Wahl zum Anprobieren nach draußen gereicht. Da steht er also, der arme Tropf, und hüpft auf einem Bein über den Asphalt, während er gleichzeitig versucht die neuen Adidas Jogger an zu schnallen.

Stadt- und Überlandbusse werden übrigens nicht nur als Transportmöglichkeit genutzt sondern gerne auch als Bauchläden oder Trash-Kino. Bei unserer Fahrt von Baños nach Machay steht doch tatsächlich ein Typ in bestickter TopGun Bomberjacke vorne und preist Cholsterin Tabletten an. Was für eine Nummer! Ein Anfangzwanziger vercheckt Rentner-Pillen in einem Stadtbus mit der Überzeugung einer Homeshopping Europe Moderatorin. Als wir fünf Stunde später in der Abenddämmerung mit dem Bus zurückfahren fehlt der Butterfahrt-Verchecker, dafür wird vorne die Glotze angemacht und ein Amazonas-Abenteuer-Thriller eingelegt. Auf Spanisch und schlecht synchronisiert. Alle starren gebannt hin obwohl klar ist: das Ende wird hier keiner miterleben, denn der Film dauert definitiv länger als die Fahrt. Aber vielleicht bleiben die auch alle an der Endstation sitzen und der Fahrer geht Mittag essen?

Rein ins ecuadorianische Nachtleben. Spanische Bars haben aus Prinzip leere Seifenspender und nur eine Klopapierrolle für Männlein und Weiblein. Kein Scherz, dieses Phänomen ist weit verbreitet. Zwischen zwei Toilettentüren hängt ein Klopapierspender. Heißt, man muss bei umfangreicherem Geschäft richtig kalkulieren sonst wird’s unschön. Wer sich trotzdem  verrechnet bei der Anzahl der Blätter schreit lauthals nach Hilfe – habe ich zich mal mitbekommen – und bekommt dann von einem Wildfremden Klopapapier über die Tür ins gar nicht mehr so stille Örtchen gereicht. Es dauert ein wenig bis ich dahinter komme warum das hier so gehandhabt wird. Aber am Ende erscheint die holprige (weil englische) Erklärung unseres Barmanns logisch. Viele Südamerikaner haben so wenig Geld das sie auch gerne mal Klopapier mitgehen lassen. Wenn die Rolle allerdings VOR der Tür angebracht wird ist das nicht mehr möglich. Skurril, oder? Überhaupt wird hier alles ein klein wenig anders gehandhabt als wir Mitteleuropäer das gewohnt sind.  Wenn eine Kneipe kein Essen anbietet kann man seine Pizza oder was auch immer gerne auch im Restaurant gegenüber bestellen und sich bringen lassen. Geraucht werden darf immer und überall, und wer sein Bier mitten auf den Billardtisch stellt kriegt keinen Anschiss sondern noch ein Zweites dazu. Zielwasser halt.

Ein letzter Wermutstropfen (der eigentlich keiner ist) bevor es nach Hause geht. Ich werde beklaut. Während der Busfahrt von Baños nach Quito. Mein Handgepäckkoffer ist weg als wir am Bahnhof der Hauptstadt ankommen. Schöner Mist. Das gemietete Unterwassergehäuse war da drin. Außerdem mein Taucherlogbuch, das Ladegerät für die elektrische Zahnbrüste, FlipFlops und eine Hose.  Ich verdächtige den Fahrer und seinen Kompagnon, die einzigen die Zugang zu den Gepäckfächern hatten. Aber es hilft nix.  Meine Beschuldigungen werden weggefuchtelt, die Polizei spricht kein Wort Englisch und unser Flug geht in drei Stunden. Scheiß drauf, ich weiß ich werde trotzdem wiederkommen. Ecuador brennt auf der Haut, riecht nach sattem Grün, schmeckt nach frischer Minze und nassem Tabak. Es haut Dich um und fängt Dich wieder auf. Ich war gerade mal drei Wochen dort, habe am süßen Kelch Südamerikas nur genippt. Der Tag wird kommen wo ich diesen Ort in großen Schlücken genieße. Und dazu ein Sandwich im Café Dios no Muere. Gracias.

3 thoughts on “Abenteuer Ecuador 2012 – Folge 4

  1. Suuuper Flo, klasse Reportage, 1A Fotos.
    Unsere Tochter war zur selben Zeit dort. Vielleicht hast Du sie ja gesehen ??

    Gruß Klaus

    • Vielen Dank, Klaus. Habe die Tochter tatsächlich getroffen. Sehr nett und seeeehr hübsch *** 🙂

Comments are closed.