Abenteuer Ecuador 2012 – Folge 1

Mein erstes Mal Ecuador wird heiß, schmutzig und ich komme am Ende ohne Hose nach Hause. Neugierig? Hoffentlich! Das wird ein echter Ritt. Aber warum gerade Südamerika? Weil es schon mal nicht Nordamerika ist, die Staaten sind im direkten Vergleich eher langweilig. Südamerika brennt auf der Haut, riecht nach sattem Grün, schmeckt nach frischer Minze und nassem Tabak. Südamerika haut Dich um und fängt Dich wieder auf. Nur wenige Länder auf dieser Welt liegen so hoch und fallen so tief. Ein wahres Abenteuer, vor allem wenn man kein Wort Spanisch spricht. Ich kann immerhin noch Bier bestellen und nach der Rechnung verlangen. Das war‘ s aber auch schon. Alle an Bord?

Ich weiß fast nichts über dieses Land aber ich verliebe mich in Südamerika noch bevor wir den europäischen Luftraum verlassen. In einer heillos überbuchten Frankfurt-Bogota Maschine sitze ich neben der vermutlich einzigen kolumbianischen Großfamilie die Deutsch kann. Zwei Schwestern mit Kindern plus Ehemann (gebürtiger Bremer und Grund für die herausragenden Deutschkenntnisse der Kolumbianerinnen). Normalerweise nervt mich Flugzeug-Smalltalk mit gelangweilten Mitreisenden, vor allem wenn das Bordkinoangebot super ist, aber Sherlock Holmes’ „Spiel im Schatten“ hat nicht annährend den Unterhaltungswert der beiden Damen mit den langen schwarzen Haaren. Sie legen los wie wahrscheinlich nur Südamerikanerinnen loslegen. Fragen. Antworten. Ratschläge. Komplimente. Anstoßen. Nachbestellen. Das kleine Kind wickeln, dem großen die Leviten lesen. Die ganze Lebensgeschichte in weniger als zwei Minuten. Und all das in beliebiger Reihenfolge. Ich habe so gut wie nichts kapiert und doch alles verstanden. Südamerika ist das Land in dem Menschen sich noch am allerliebsten mit Menschen beschäftigen – und nicht mit iPhones. Ein wohltuender Reset für einen Junkie wie mich. Und das richtige Warm-Up für das temperamentgeschwängerte Südamerika.

Eine Stunde Aufenthalt im Transitbereich des Flughafens von Bogota, der Hauptstadt von Kolumbien. Zwischen hunderten schnatternden Kolumbianern, Peruanern und Ecuadorianern steht als letztes Bollwerk des Westens ein „Dunkin’ Donut“ Stand im Fressbereich von Gate3 – mit einer beachtlichen Traube unterzuckerter Südamerikaner davor. Ich fürchte, ein klein wenig amerikanisiert ist am Ende jeder auf dieser Welt. Wir auch. Also nix wie rein mit der gesträuselten Schoko-Marmeladen-Sauerei.

Eineinhalb Stunden Rumpelflug nach Quito, die Hauptstadt Ecuadors. Die obligatorischen eineinhalb Stunden Schlangestehen am Einreisecounter mit schlechtgelaunten Zoll-Police-Officers gehen nachts um halb zwölf nach fast achtzehn Stunden Reisezeit gehörig an Substanz und Nerven. Aber es hilft nichts. Dafür hat unser Taxifahrer Juan das breiteste Grinsen der Welt im Gesicht obwohl er bestimmt schon genau so lange wartet wie wir – auf uns nämlich. Also, schnell noch ein paar ATM Dollars ziehen und nix wie weg. Die Luft ist kalt und dünn.

Die Stadt liegt auf fast dreitausend Metern, kaum ein Alpengipfel bringt es auf diese Höhe. Aber noch reagiert mein Körper nicht auf die ungewohnten Druckverhältnisse… das wird sich noch ändern… leider. Die Fahrt ins Hotel geht ruckzuck, die Ecuadorianer dürfen aus Sicherheitsgründen nachts auch über rote Ampeln fahren. Die Angst vor einem Überfall ist größer als die vor einem Verkehrsunfall. Viel auf und ab, überall Brücken. Quito sieht aus der Luft aus wie ein Inselstaat mit hunderten Kratern und Tälern. Dreißig Minuten später sind wir im Himmel. Die Casa San Marcos im Herzen der Altstadt. Ein „Mansion“ aus dem frühen achtzehnten Jahrhundert, vollgestopft mit Antiquitäten. Ich atme Geschichte während ich das obligatorische Gästeformular ausfülle.

 Dieses winzige Hotel hat nur sechs Zimmer, die aber sind individuell und mit so viel Liebe zum Detail eingerichtet dass einem die Luft wegbleibt. Wer dieses Kunstwerk im Herzen eines Weltkulturerbes geschaffen hat muss ein schöngeistiger Workaholic sein. Ein Schöngeist, der auf den Namen Mayra hört, und trotz überschaubarer Körpergröße sofort jeden Raum erhellt. Aber dazu später mehr. Jetzt ganz schnell schlafen und den Jetlag besiegen.

Erster Morgen, erste Eindrücke aus dem „Rom Südamerikas“: sehr katholisch. Über jedem Gebäude thront ein Heiliger und über der Stadt die einzige Marienfigur der Welt mit Engelsflügeln. Warum die ausgerechnet hier steht hat man mir mehrfach in holprigem Englisch erklärt, leider habe ich es nicht verstanden. Ich bin nun mal ein Heidenkind, mein Interesse an den Stars der katholischen Kirche hält sich in Grenzen. So oder so ist es eine gute Idee Quito erst mal von oben kennen zu lernen – und das geht am besten am Rockzipfel dieser knapp vierzig Meter hohen Marienfigur, die am höchsten und zentralsten Punkt der Stadt, am „El Panecillo“, über die 2.4 Millionen Metropole wacht.

Quito ist schmal und lang – satte achtzig Kilometer vom nördlichsten bis zum südlichsten Briefkasten, eingebettet in unzählige Vulkane. Wer einmal ganz durch will, sollte – je nach Verkehrslage – mehrere Stunden einplanen. Habe ich nicht vor. Den Süden solle man sich ohnehin sparen weil für Touris nicht ganz ungefährlich, der Norden sei zumindest vor Einbruch der Dunkelheit unbedenklich, sagt der Taxifahrer. Also nix wie rein ins Getümmel.

Ich bin kein Museums-Kirchen-Sightseeing Ab-Arbeiter, ich laufe einfach drauf los und lasse auf mich wirken. Das Erste was wirkt sind die Stadtbusse. Die halten nicht an Haltestellen (welche es vom Busbahnhof mal abgesehen gar nicht gibt), die halten überall wo man zusteigen will. Du hebst einfach die Hand und der Bus bleibt stehen… großartig, oder? Und damit keiner den Bus verpasst oder übersieht, bzw. überhört, hat jeder Fahrer eine eigene Erkennungsmelodie. Kein Scherz, in Quito wird nicht gehupt, in Quito wird gerockt. Einer legt „Rudolph, the rednosed Reindeer“ in einer Buena-Vista-Social-Club Version auf wenn er um die Ecke biegt. Zudem steht an jedem Zustieg eine Art Marktschreier, Jungs deren Job darin besteht möglichst viele Fahrgäste an zu locken… am Einstieg geht’s zu wie am Autoscooter Stand auf dem Oktoberfest.

 Neuer Morgen, neues Glück plus Apothekenbesuch. Ich habe die Höhensonne unterschätzt und konkurriere bereits nach dem ersten Tag mit gekochtem Hummer. Der Frau hinterm Tresen sage ich „bronceador, por favor“ – so stehts in meinem iPhone Spanischwörterbuch. Die schaut mich entgeistert an und deutet zweifelnd auf den Selbstbräuner im Regal. Chapeau, traue niemals einer Spanisch-App. Die Apothekerin weiß aber auch so was ich benötige (ist ja nicht zu übersehen) und reicht mir grinsend einen dreißiger Sunblocker. Jetzt steht der ersten Krater-Erklimmung nichts mehr im Weg.

Der „Pichincha“ ist quasi der Hausvulkan von Quito, knappe 4.800 Meter hoch, noch immer als aktiv eingestuft und mit einer Seilbahn an die Zivilisation geknüpft. Ich bin felsenfest davon überzeugt dass dieser Berg, mal abgesehen von der dünnen Luft in solchen Höhen, ein Spaziergang wird und belasse es bei Wanderstiefeln, meiner Kameratasche und einem 0,3Liter Wässerchen.

Die Realität sieht leider anders aus. Die Seilbahn bringt uns auf ein erstes Plateau, der Rest ist Fußweg. Fast fünf Stunden Aufstieg. Auf viertausend Metern werden die Beine schwer und die Pausen häufig, auf vierdrei bläst dazu ein eiskalter Wind, auf vierfünf zeigt mir meine Freundin den Vogel und sagt sie werde hinter einem Felsvorsprung auf mich warten.

Die letzten dreihundert Meter zu einem der Kratergipfel werden zu meinem bisher größten Kampf gegen den inneren Schweinehund. Ich krabble auf allen Vieren (!!!) über Geröll, kaue den Sand den mir der Wind ständig ins Gesicht bläst, mache nach jeder Minute Aufstieg drei Minuten Pause und schnappe aufgrund des geringen Sauerstoffs in dieser Höhe nach Luft wie ein Asthmatiker kurz vor dem Kollaps.

Hundert Meter rechts von mir kotzt ein einsamer Engländer sein letztes bisschen Galle in den Vulkansand und ich stelle fest, ich bin auch fast soweit. Ich verliere jedes Gefühl für Zeit, vor meinen Augen tanzen schwarze Punkte und trotzdem komme ich irgendwann, irgendwie am Kraterrand an. Nicht der höchste Punkt, aber immerhin sehe ich dass auf der anderen Seite außer einem steil anfallenden Geröllfeld so gut wie nichts zu sehen ist.

Schöne Scheiße. Der Lohn aller Mühen ein Durchschnittsfoto mit dem man noch nicht mal bei der Verwandtschaft punkten kann. Ich beginne vollkommen entkräftet mit dem Abstieg.

Meiner Freundin dreihundert Meter weiter unten geht es prima, die hatte eine Begegnung der besonderen Art. Ein Anden-Adler hat sich keine zwei Meter von ihr entfernt niedergelassen um sie zu beäugen. Für einen solchen Moment würden Ornithologen töten. Leider hatte sie keine Kamera zur Hand… die hatte ich. Um das Geröllbild zu schießen. In neunzig Minuten hetzen wir den Berg runter. Das 0,3 Liter Wässerchen ist schon längst leer, ich habe Durst wie noch nie zuvor in meinem Leben. Für die Fanta im Gondel-Souvenirshop würde ich jetzt ohne mit der Wimper zu zucken zwanzig Dollar auf den Tisch legen und „passt so“ schreien. Als ich vollkommen entkräftet ein paar hundert Meter vor dem Ziel auf zwei Österreicher (Vater und Tochter) treffe, glaube ich aufgrund meiner Dehydration an eine handfeste Halluzination. Auf mein einstudiertes „hola, que tal“ sagen die beiden „Servus“. Nein, die sind echt… mit der Nachbarschaft muss man einfach immer und überall rechnen. Wenigstens sehen die zwei aus wie ich mich fühle. Dabei sollte der gemeine Österreicher doch einen gewissen Leistungsvorsprung beim Erklimmen von hohen Höhen haben. Dem ist nicht so, wie ich mit einer gewissen Schadenfreude feststelle.

Das Abendmahl ist Balsam für die Seele. Mayra, der Schöngeist der die Casa San Marcos (unser Hotel) geschaffen hat, nimmt uns mit zum Dinner um die Ecke. Das „Café Dios no Muere“ könnte aus der Feder von J.K. Rowling stammen, so magisch und schrullig schön ist dieser Ort.

Drei Stockwerke, drei Räume, keiner größer als fünf Quadratmeter und in hunderte Jahre alte Dielen und Mauerwerk gebettet. Der Wein hängt in verstaubten Flaschen von der Decke, eine kitschige Marienfigur wacht über der Spüle. Neben einem handgefertigten Gasgrill an der offenen Gittertür gen Süden steht ein offener Sack frischer Kaffeebohnen die darauf warten über offenem Feuer geröstet zu werden. An den Wänden hängen alte Fotos, Gemälde, Kindermalereien und Schiefertafeln mit handgekritzelten Hinweisen auf das Tagesmenü. Am Fenster des ersten Stocks steht eine Stereoanlage die das Restaurant und den Gehweg mit Bach, Schubert oder B.B. King beschallt. Das einzige elektrische Licht (neben dem auf der Toilette) geht vom Kühlschrank aus – der übrigens mitten im Raum steht. Denn den bedient Mathieu: Koch, Kellner, und Amerikaner mit französischen Vorfahren. Verheiratet mit einer Kolumbianerin und Vater dreier Kinder welche viersprachig aufwachsen (Spanisch, Englisch, Französisch und Latein… offenbar hat er nicht vor seinen Nachwuchs an die Gastronomie zu verlieren). Der Mann macht hervorragende Sandwiches aus Louisiana, Grillwürstchen aus Louisiana und Nachtisch aus Louisiana. Zudem serviert er neben heimischem Äquatorbier auch das Dunkle von Erdinger und eiskalten Jägermeister. Hier passt gar nichts und doch alles zusammen. Das gilt für die Restaurant UND seine Gäste. Da wären Mayra, Ecuadorianerin mit Auslandsaufenthalten in New-York (Studium in den 60ern!), Hotelchefin der Casa San Marcos, Geschäftsführerin des Kirchensenders „Radio Maria“ und Inhaberin der größten Kunstgalerie Quitos.

Mark, abtrüniger Amerikaner, ehemaliger Umzugsunternehmer, orthodoxer Katholik, fast fünfzig und immer in Lederjacke, Jeans und Truckercap unterwegs. „Mum“, Marks Mutter, mit dem Sohn nach Ecuador ausgewandert „weil hier so viele Kirchen zu Fuß erreichbar sind“ (ihre drei anderen Kinder sind in den Staaten geblieben und halten „Mum“ sowie auch Mark für nicht mehr ganz dicht). Johnny, ebenfalls Amerikaner und in Lauerstellung für das Arbeitsvisum in Kolumbien (will dort als Lehrer für Literatur neu durchstarten). Juan aus Quito, Touristenführer mit hervorragenden Englischkenntnissen und unser Begleiter für die kommenden Tage (seine Familie lernen wir auch bald kennen, nichts für schwache Nerven). Und last but not least Paul Fernandez, schlaksiger Ecuadorianer in zu großen Anzügen und Hobbyfotograf, immer mit Kamera und Laptoptasche unterwegs. Diese bunt zusammen gewürfelte Truppe ist also für die Abendunterhaltung zuständig und wird im Laufe der Woche verlässliche Anlaufstelle für wundervolle Dinners oder kurzweiligen Kaffeeklatsch.

Noch niemals zuvor habe ich mich in einer Kneipe so wohl gefühlt wie im „Café Dios no Muere“ in der Altstadt Quitos. Das mag am einfachen aber guten Essen, den treuen Gästen oder der schrulligen Einrichtung in schummrigem Kerzenlicht liegen… vielleicht ist es aber einfach nur die Magie eines Ortes an dem man die Zeit vergisst. Hier hängt nämlich nur eine einzige Uhr- und die ist schon vor Jahren stehen geblieben.

Fortsetzung folgt…

5 thoughts on “Abenteuer Ecuador 2012 – Folge 1

  1. Wooow! Hervorragend geschrieben u. tolle Bilder! Man meint beim lesen, man sei dabei gewesen!
    Bin gespannt auf Folge II

  2. Du schreibst total gut!!!!!
    (Sollte ich Vergleiche mit Roger Willemsens Reiseberichten ziehen? Könnte ich ohne mit der Wimper zu zucken!)
    Superschöne Fotos!
    …warte auf mehr!

  3. Wow!! ich bin begeistert, kriege Fernweh und freue mich auf die Fortsetzung… Unglaublich tolle Bilder!

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