Abenteuer Ecuador – Folge 3

  In diesem dritten Teil reisen wir an Orte deren Straßen keine Namen tragen und deren Uhren nur noch der Sonne folgen. Sie beherbergen gefiederte Könige, Delikatessen aus dem Streichel-Zoo, Gelehrte aus längst vergangenen Tagen und einen Apotheker mit Gestapo-Phobie. Einsteigen, anschnallen, staunen. Ecuador von seiner ehrlichsten Seite.

Die Strassen Ecuadors sind die Lebens-Adern des Landes. Nicht in den Dörfern wird das Geschäft gemacht, sondern an den Highways. Die Übergänge zwischen Kaff A und Kaff B sind fließend, alle zwanzig Meter steht irgendjemand oder irgendwas, meistens gesellt sich Gleiches zu Gleichem. Hat einer irgendwo Erfolg mit Schweinhälften, ziehen zehn bis zwanzig Konkurrenten nach und eröffnen innerhalb kürzester Zeit weitere Schweinhälftenläden. Wir passieren also in diesem Augenblick  eine dreikilometerlange Allee voller Schweinhälften. Der interessierte Kunde fährt rechts ran, sucht sich die Sau aus und reiht sich direkt im Anschluss wieder in den Verkehr ein. In Deutschland unvorstellbar, hier die Regel. Ich bin Vegetarier, also leide ich still und freue mich umso mehr als wir wenige Minuten später im Rosenkrieg ankommen. Ein Exportschlager in Ecuador. Nur wenige Länder produzieren und exportieren derartige Mengen. Ein Strauß mit sechs Langstieligen kostet hier übrigens weniger als ein Dollar. Das richtige Land für verliebte Kerle.

Kurzer Zwischenstopp bei diesmal lebenden Tieren. Eine Auffangstation für bedrohte und gestrandete Raubvögel und einer der wenigen Orte auf dieser Welt wo man einem ausgewachsenen Kondor aus nächster Nähe direkt in die Augen blicken kann. Was der Eisbär auf dem Land und der weiße Hai im Wasser ist, ist der Kondor in der Luft. Das Ende der Nahrungskette, ein Apex Predator, der König seines Lebensraumes. Dieser König wiegt 15 Kilogramm und  ist gut uns gerne drei Meter breit –von der einen Flügelspitze zur anderen. Leider versagt seine Libido. Das Weibchen lebt im selben Gehege, sieht bezaubernd  aus und zeigt lebhaftes Interesse. Nur leider  kommt der alte Mann nicht in die Gänge. Die Pfleger haben die Hoffnung auf Nachwuchs aufgegeben, und dass wo Kondor Küken doch so wichtig wären. Weltweit, so glauben die Experten, leben noch an die zehntausend Exemplare, Tendenz rückläufig.

Ich sehe mir den alten Herrn in seinem eindrucksvollen, schwarz-weissen Kleid ein paar Minuten lang an. Regungslos verharrt er auf einem Stein, lässt sich nicht in die Karten schauen. Ich weiß noch nicht einmal, ob er mich überhaupt wahrnimmt. Aber ich stelle für mich fest dass dieses Wesen, selbst wenn es in seinem Reihenhaus-großen Gehege in Sicherheit ist, nicht hierher gehört. Er sollte in tausenden Metern Höhe seine Kreise ziehen, die Anden erobern, von Venezuela bis nach Feuerland fliegen. Dann würde er vielleicht auch das ein oder andere Kondorweibchen beglücken und seine Art erhalten… aber dieser Kondor wird niemals mehr fliegen. Er wurde gejagt, gefangen genommen und geschändet – für irgendeine Religion, einen Brauch oder asiatische Elixiere der ewigen Kraft und Jugend. Er hat das Fliegen verlernt, in jeder Hinsicht.

Noch ein kurzer Halt am Cuicocha. Einer der wenigen, aktiven Vulkankrater die durch Wasser bedeckt sind. Die Tiefe ist beeindruckend. Zweihundert Meter von der tiefblauen Oberfläche bis auf den Grund des Kraters.

In der Mitte zwei kleine Inseln die tausende Meerschweinchen beherbergen. Daher auch der Name. Denn die Meerschweinchen dürfen im Gegensatz zu den meisten ihrer Artgenossen hier NICHT gegessen werden. Hatte ich das eigentlich schon erwähnt? Meerschweinchen gelten in Südamerika als Delikatesse und werden fast immer und überall fertig gegrillt angeboten. Und bitte jetzt nicht das Gesicht  verziehen. Wir Deutschen essen Spanferkel und Milchkalb. Das ist nicht besser.

Spätes Mittagessen (kein Meerschweinchen!!!) in der „Hacienda“, eine aufgehübschte Geistervilla südlich der Hauptstadt. Berühmt weil hier der deutsche Forscher Alexander von Humboldt für ein paar Tage genächtigt und gewirkt hat.

Touristen verirren sich nur selten hierher, das einzige „Humboldtsche“ ist ein altes, aufgeklapptes Buch mit  handgeschriebenen Notizen des Wissenschaftlers und Darwin Verbündeten. Ansonsten riecht’ s hier wie in einer alten Bibliothek mit Wasserschaden. So oder so… dieser Ort hat was. Er wirkt ein kleinwenig schrullig mit all den alten Sachen, die überall herumstehen.

Der Garten ist verwildert, der Springbrunnen tröpfelt leise vor sich hin, im angelegten Teich schwimmen vermoderte Blätter. Solange sich die Sonnenstrahlen darin spiegeln hüpft das Herz, sobald diese aber hinter den hohen Baumwipfeln verschwinden läuft es einem kalt den Rücken runter. Die Hacienda ist die perfekte Vorlage für eine 60er Jahre Edgar Wallace Kulisse. Als wir in der Dämmerung die schmale Allee  entlanglaufen und das erste, verwitterte Eisentor passieren, fällt mir rechts noch ein alter Friedhof ins Auge. Ich will gar nicht wissen wer hier begraben liegt, in dieser Kulisse stellt „es“ sich mir möglicherweise noch persönlich vor.

Das ecuadorianische Landleben ist einfach und rustikal, aus der Sicht eines Mitteleuropäers vielleicht sogar ein klein wenig romantisch. Im Schatten eines wolkenverhangenen Vulkangipfels bitte ich Juan kurz anzuhalten.

Links geht ein zugewucherter Feldweg ab, an den Seiten kaum erkennbar durch Stacheldraht gesichert. Am Ende stehen zwei Bauernhäuser aus grobem Stein. Notdürftig zusammengeschustert und von  einem Ziegeldach bedeckt.

 

An einem kleinen, recheckigen Brunnen aus grobem Beton schrubbt die junge Mutter traditionelle Gewänder, ihre Tochter füllt mit einem rostigen Eimer schmutziges Wasser nach. Wenige Meter weiter döst eine alte Frau in Lumpen vor sich hin, ihr Mann schnarcht zufrieden auf einer groben Metallpritsche vor sich hin. Ein angeketteter Terrier Mischling kläfft mich an. Er bewacht offensichtlich Hof, Hühner und das dürre Kalb welches an einem ausgetrockneten Seil stoisch den Rasen im Umkreis wegputzt.

Ich bitte um Erlaubnis ein paar Fotos machen zu dürfen. Die Mutter ist erst skeptisch, Fremde verirren sich so gut wie nie in diese Gegend, stimmt dann aber zu. Als ich die alte Dame mit einem vorsichtigen Handschlag begrüßen möchte, lehnt diese zunächst ab. Ihre schmutzigen Hände sind ihr peinlich. Sie legt sie zerknirscht in ihren Schoss, ich greife beherzt zu. Sie lächelt nur kurz und wendet dann ihre müden, wässrigen Augen ab.

Juan wird mir später im Wagen erzählen dass diese Familie – wie viele andere im Inland Ecuadors – nur von dem leben was sie selbst anbauen. Hier und da produzieren sie ein wenig mehr und können das auf  einem Wochenmarkt verkaufen. Das Kalb, welches Milch liefern soll, ist ein seltener Luxus. Die Minuten auf dem Hof dieser Familie machen mir wieder einmal klar in welchem Überfluss wir leben.

Wir halten in einem kleinen Dorf ohne Namen – oder zumindest ohne Ortsschild.  Juan hat Hunger, eine rüstige Lady mit Pranken, so groß wie die des Bullen von Tölz, verkauft unter einer Plastikplane Kuhmagen vom Grill. Ich wundere mich nicht, in Ecuador stellt irgendjemand immer irgendwo einen Rost auf. In Hofeinfahrten, Garagen, Grünstreifen oder in Unterführungen. Im benachbarten Hinterhof entdecke ich zwei ältere Herren in einer Art Gemischtwarenladen, höchstens fünf Quadratmeter groß. Die meisten Cola-Flaschen hier sind angestaubt, die Gitarren dafür gewienert wenn auch nicht gestimmt… sie singen uns ein ecuadorianisches Volkslied. Ich will sie auf ein Bier aus eigenem Bestand einladen. Sie lehnen an. Alkoholismus ist in Ecken wie diesen sehr verbreitet, und wer ihm nicht schon verfallen ist, der belässt es auch dabei.

Wir erreichen Quito nach Einbruch der Dunkelheit. In einer winzigen, für Autofahrer gesperrten Straße, führen Kunststudenten zwischen jahrhundertealten Häusern Straßentheater auf, so bezaubernd wie ich es noch nie gesehen habe. An die zwanzig Zuschauer quetschen sich mit Genickstarre auf Plastikstühlen an die Hauswand links, ein Mädchen und ein Junge spielen auf dem gegenüberliegenden, mit Blumen geschmückten Balkon, Romeo und Julia. Nach jedem Schmachtsatz tobt der Applaus, der Rotwein fliest in Strömen. Ich will ein Foto machen, lasse es aber sein. Ich würde den Zauber des Augenblicks zerstören- meinen und den der begeisterten Fans. Das ist es nicht wert.

Das Abendprogramm ist dermaßen skurril, dass Ihr mir kein Wort glauben werdet. Ich erzähl’ s trotzdem. Erstmal zeigt uns Mayra (Hotel- und Programmchefin des katholischen Radiosenders) ihren Lieblingskonvent. Sie ist auf DU mit dem Chefpriester, der sperrt uns auf. Der Mann  ist höchstens so alt wie ich, trägt einen akkuraten Kurzhaarschnitt und irgendwo in den Tiefen seiner schneeweißen Kutte mit schwarzer  Hüftkordel ein Smartphone, dessen Anruferkennung klingt wie ein Ibiza Chillout-Schunkler. Das Ding bimmelt durchgehend, ab und zu geht der Priester auch dran während wir gerade die stigmatisierte Disneylandvariante der katholischen Kirche bestaunen. Unglaublich wie das Interieur der spanischen Gläubigen im Vergleich zu dem der Deutschen reinknallt. Höhepunkt ist ein gläserner Schneewittchensarg, in dem ein Plastik Jesus in Originalgröße (ist das jetzt Blasphemie? man weiß ja nicht wie groß der Bub war) blutüberströmt auf Watte gebettet liegt.

Eine Stunde später besteht Juan darauf uns sein Haus, seine Familie und seinen Boxer (ein Hund, kein hauseigener Klitschko) vorzustellen. Ich finde mich wieder im dritten Stock einer (unter deutschen Gesichtspunkten) Messihütte aus dem sechzehnten Jahrhundert. Der Ecuadorianer an sich sammelt akribisch alles was ihm in die Finger kommt und platziert es – weit Abseits mitteleuropäischer Vorstellungen von Innenarchitektur und Stil – dort wo noch was hinpasst. Der Boxer ist hyperaktiv und absolut liebenswert, wie auch der Rest von Juans Familie. Juan’ s Mutter spricht zwar kein Wort englisch, erklärt uns aber jeden Ur-Ur-Ur Ahnen der in verblichenen schwarz-weiß Fotografien an der Wand hängt. Die Schwester kommt gerade aus der Uni, trägt einen knallengen Minirock zu stahlblauem Oberteil und spricht nicht so viel. Juan’ s Bruder ist eigentlich Ingenieur, gibt aber nebenbei noch Klavierkonzerte und kommt just heute von einem Auftritt in Kanada zurück. Juan’ s Vater ist Allgemeinarzt und Gynäkologe beim ecuadorianischen Militär, untersucht in dieser Funktion die Frauen der Soldaten, und trommelt leidenschaftlich gerne auf seiner roten Kickdrum. Da meine Freundin Studiosängerin ist kommt das Eine zum Anderen. Papa Juan wünscht sich „My heart will go on“ von Celine Dion mit Klavier und – Achtung- Schlagzeugbegleitung. Ich traue mich nicht das filmen… am Ende denken die noch ich will sie ans Fernsehen verscherbeln. Und wir Deutschen gelten hier als ungemein höflich und zuverlässig. Das bleibt mal besser so.

Bei meiner letzten Quito Anekdote weiß ich ehrlich gesagt nicht ob ich lachen oder weinen soll. Tatort: eine Apotheke in der Altstadt von Quito. Opfer: ein freundlicher, älterer Herr im Apothekerkittel. Nach abgeschlossenem Geschäft will der Mann wissen woher wir kommen. „Alemannia, Señor“. Daraufhin zeigt er uns freudestrahlend ein kleines Büchlein voller deutscher Orte (in Lautschrift). Ich glaube zu verstehen das dass Notizen über Kunden sind, die ihn hier besucht haben. Er ist ein Momente-Sammler und stolz auf internationale Gäste. Wir freuen uns mit ihm, meine Freundin streckt die Hand nach oben, fordert ihn strahlend zum High Five Schlag auf. Der Apotheker erblasst, weicht zurück, ist vollkommen verstört. Wir verstehen nicht und bitten Juan zu intervenieren. Der redet auf den Mann ein, versucht heraus zu finden was ihn so erschreckt hat. Ich wette Ihr kommt nicht drauf, ich kann es in diesem Moment selbst kaum glauben. Der arme Kerl dachte wir wollten ihn zum Hitlergruß auffordern! Kein Scheiß. Ich lache hysterisch drauf los, ich kann nicht anders und denke mir im selben Moment, wir Deutschen sind in dieser Hinsicht zu Recht paranoid. Wenn sich ein so cleverer Ecuadorianer bei der leisesten Handbewegung einer blonden Frau in der rechten Bruderschaft wähnt, haben wir noch ordentlich zu tun was unser Image im Ausland angeht. Oder die müssen ihren Geschichtsunterricht auf den aktuellen Stand bringen. Egal, wir können das am Ende klären und in Frieden gehen. Ob er München nun in sein kleines schwarzes Büchlein aufnimmt ist allerdings fraglich. Schließlich wollte die Gestapo höchstpersönlich Schnupfenspray bei ihm kaufen.

Fortsetzung folgt…

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