Alles muss raus!

Ich weiß das, was vermutlich alle über Entrümpler wissen. Große Hände, breites Kreuz, gut im rausreißen und rausschmeißen. In den drei Tagen, in denen ich diesen Job für eine ZDF Doku mache, lerne ich  noch was dazu. Entrümpler sind auch die letzte Instanz bevor ein Leben für immer verschwindet. Männer, die sich (ob sie wollen oder nicht) durch Geschichten wühlen, die oft selbst die Angehörigen nicht kennen.

Mein Chef Peter packt mir eine Matratze auf den Rücken. Wenn einem in diesem Moment der Duft von vierzig Jahren Schlafzimmer in die Nase steigt  will man gerne wissen wer da drin lag. Peter lacht und zerlegt nebenbei den Einbauschrank. Eine ältere Dame. Habe ihr halbes Leben hier verbracht. Ihr Mann sei schon vor einiger Zeit gestorben, sie sei letzte Woche ins Pflegeheim gekommen. Woher er das wisse und warum es ihn interessiere, frage ich hin. Der Mann räumt an die zweihundertfünfzig Wohnungen im Jahr, da kann nicht viel Zeit bleiben, um die Kundenhistorie auf zu arbeiten. Doch, das müsse sein, sagt er. Schon allein aus Gründen der Pietät. Entrümpler kommen in der Regel zum ungünstigsten Zeitpunkt. Meist geht Tod oder Pflegeheim voraus, oft muss es schnell gehen weil der Vermieter ungern Geld verliert. Nicht selten sind die Angehörigen dabei, entweder auf der Suche nach Wertsachen und Andenken – oder weil sie sich mit einem letzten Blick in die Wohnung von Oma verabschieden wollen. In diesem Fall ist es eine Tante. Ihr Neffe steht schweigend im Flur und kämpft mit den Tränen als ich einen alten Kassettenrecorder entstaube und in die Kiste für Elektroteile packe. Er habe seine halbe Kindheit hier verbracht, sagt er. Und dass er mit diesem alten Kassettenrekorder viele schöne Abende hatte. Ich kann ihn verstehen. Meine Eltern haben viel aufgehoben von meiner Schwester und mir. Vor ein paar Jahren habe ich mich zu Hause mal stundelang durch die alten Sachen  gewühlt und bin ständig irgendwo hängen geblieben. Auch emotional. Wir Menschen sind schon komisch… unser Kopf denkt immerzu an Morgen, unser Herz hängt so sehr am Gestern.

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Peter und seine vier Jungs haben eineinhalb Tage Zeit um die Überreste eines Lebens aus dieser Vierzimmerwohnung zu schaffen. Er sagt wir hätten Glück heute. Die alte Dame habe vergleichsweise wenig aufgehoben, da gäbe es deutlich härtere Fälle – bis hin zum Messi Horror. Trotzdem ist es eine Aufgabe. Massive Einbauschränke, Herdplatten, Kühltruhen, Tische, Röhrenfernseher, Lampen. Dann der Kleinkram. Hunderte Gläser,Teller, Schüsseln,Tassen, Besteck. Und neben dem abgewetzten Sofa ein Berg an alten Strickzeitschriften. Das geht zurück bis in die frühen 80iger. Ich blättere  mich durch. Krass, vieles ist heute wieder modern. Von den Frisuren der Modelle mal abgesehen. Aber warum heben alte Menschen  immer so viel auf? Weil sie UNS nicht aufheben können, sagt Peter. Wir, die auf der Überholspur durch unser Leben rennen, haben keine Zeit mehr für sie. Also nehmen sie sich Zeit für andere Dinge. Versandkataloge zum Beispiel. Er habe schon Wohnungen  geräumt in denen ganze Regale mit originalverpacktem Zeugs unberührt und eingestaubt herumstanden. Und keiner kriegt es mit. Zwanzig lange Jahre lang. Die Alten seien einfach unsichtbar für uns geworden. Spricht es aus und wendet sich ab. Er sieht jeden Tag dass was wir nicht sehen. Nicht sehen wollen. Das macht ihn traurig und ich kann’ s verstehen.

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Entrümpler sehen mehr als ihnen lieb ist. Sexspielzeug unterm Bett. SS-Uniformen im Schrank. Lebensmittel in Kühlschränken, die so verdorben sind, dass sie sich verflüssigen. Sie sehen auch, wie sich die Verwandtschaft zwei Tage nach einem Todesfall noch während der Wohnungsräumung an die Gurgel geht. Manchmal nur wegen eines Zwiesel Kristallglas Sets. Robert, ein Ulmer Trödler und Entrümpler, geht diesem Theater inzwischen souverän aus dem Weg. Er räumt für die Hälfte an Gage, darf aber auch alles von Wert behalten. Er und seine Frau haben sich so eine Existenz aufgebaut. Ein zweistöckiger Hinterhofladen voll bis unters Dach mit altem Kram. Aber eben auch ein Eldorado für Schatzsucher. Und davon gibt es mehr als genug. Sein Laden sehe alle zwei Wochen komplett anders aus, fast alles findet einen Abnehmer. Stammgäste hat ermehr als genug. Der eine sammelt seit Jahren alte Schallplatten, der andere will seine Wohnung umkrempeln.  Ein Tick, den Robert teilt. Die leerstehende Doppelhaushälfte eines verstorbenen Mannes beheimatet eine 70iger Jahre Spiegeldrehbar. Ich wusste noch nicht mal dass es so was überhaupt gibt, aber Robert ist im Glück. Grinst wie ein fünfjähriger der sein erstes Kettcar zu Weihnachten bekommt. Ich will wissen ob es bei ihm zu Hause  so aussehe wie in seinem Laden. Nein, er habe gelernt sich von Dingen zu trennen. Manches bleibe für immer, manches werde schon nach ein paar Monaten wieder ausgemistet und verkauft. Der Kreislauf des Lebens. Ich atme die Geschichte eines Fremden während ich eine zerbrochene Schmuckschatulle hinter einem Schrank entdecke. Robert tippt auf Fotos. Geld finde man selten, da sei die bucklige Verwandtschaft meist schneller. Er behält Recht. Ein zentimeterhoher Stapel verblichener schwarzweiß  Aufnahmen. Urlaubserinnerungen. Ein junger Mann in elegantem Anzug an der Reling eines Passagierschiffes. Im Hintergrund ein breiter Fluss, am Horizont kahle Berge. Ich tippe auf Ägypten. Eine Nil-Kreuzfahrt vermutlich.  Robert sagt, Fotos blieben oft zurück. Geld nie.  Er habe schon erlebt wie Angehörige ganze Sammelalben ihrer Eltern dem Tod durch Entrümpelung überließen, kaum waren alle potentiellen Geldverstecke  geplündert. Das ist nicht immer so, aber manchmal eben schon. Ich will nie so werden. Erinnern Sie mich dran wenn es soweit ist.

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Peter und sein Team waren gründlich. Die Wohnung im Münchener Osten ist leer. Selbst die Decken, Böden und Tapeten sind nicht mehr. In weniger als sechsunddreißig Stunden haben wir ein komplettes Leben  gelöscht um Platz für ein Neues zu schaffen.  Wir sind Jäger und Sammler, aber das sammeln ist für den Arsch seit es Entrümpler gibt. Ich glaube ich bestelle das Sideboard für mein Wohnzimmer zu Hause wieder ab. Und die zusätzliche Lampe für das Schlafzimmer auch. Wir haben sowieso alle zu viel von Allem. Und Robert und Peter in dreißig Jahren nur Ärger damit.

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Florian Weiss als Entrümpler Teil 1

Bildschirmfoto 2014-05-07 um 16.55.10
Beitrag vom 01.07.2013
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Florian Weiss als Entrümpler Teil 2

Florian Weiss als Entrümpler Teil 2
Beitrag vom 02.07.2013
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Florian Weiss als Entrümpler Teil 3

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Beitrag vom 03.07.2013
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