Wo der Ruhepuls zu Hause ist

Im Ernst, ich bin durch und durch Stadtaffe. Reizüberflutet, notorisch nervös und grundsätzlich zu schnell, zu gleichzeitig, zu viel von allem, zu viel auf einmal. Ich bin chronischer Email Checker, Statusabfrager, Aktualisierer. Runterkommen geht mit schwerem Rotwein. Flaschen, keine Gläser. Klar, ich übertreibe aber ich bin nah dran. Du auch? Dann bist Du hier richtig. Ich habe nach einem Ort gesucht, der mich abschaltet. Und ich habe ihn gefunden.

Seinerzeit | Florian Weiss

Unsere Untermieter, Mutter und Tochter Esel

Von den Gurktaler Alpen und den Nockbergen haben in Deutschland wahrscheinlich die wenigsten gehört. Warum auch? Die südlichen Ausläufer sind selbst für die Bayern weit weg und für Wintersportler ist das Angebot überschaubar. Du fährst bis Salzburg und dann nochmal zweihundert Kilometer Richtung Süden bis Du fast in Slovenien raus kommst. Der letzte Ort, den das Navi anzeigt, ist Patergassen. Dann geht’s irgendwann rechts hoch Richtung Falkertsee. Kein Wegweiser, nur eine „Heidi“ Figur mit ausgestreckter Hand. Zehn Minuten steile Serpentinen im ersten Gang, das Lenkrad am Anschlag. Ich bin diese letzten Meter fast immer nach Einbruch der Dunkelheit gefahren. Im Schnee, im Regen, bei Nebel. Da glaubst Du irgendwann nicht mehr, dass da noch was kommt. Ich bin deshalb auch schon zwei mal dran vorbei geschippert, das Schild ist nicht besonders groß. Aber am Ende weisen die alten Öllampen den Weg.

Und dann steigst Du aus auf knapp sechzehnhundert Höhenmetern. Atmest Bergluft. Siehst Millionen Sterne wenn der Himmel aufklart. Unterhalb des Parkplatzes zeichnen sich die Umrisse kleiner Almhütten gegen die schwarzen Schatten des gegenüberliegenden Bergmassivs ab. Und eine dieser Hütten ist Deine.

Seinerzeit | Florian Weiss

Gemütlicher geht’s kaum. Eine Jagdhütte nach Einbruch der Dunkelheit

Das Almdorf „Seinerzeit“ war das erste seiner Art. Gebaut Mitte der Neunziger von zwei österreichischen Feingeistern, die nicht nur eine Vision, sondern auch die nötigen Schillinge parat hatten. Sie wollten einen Ort schaffen, der den Zauber eines jahrhundertealten Bergdorfs verkörpert. Almhütten aus Stein und Holz unter Nagelschindeldächern. Alles nach traditioneller Baukunst. Ein offener Kamin in der Mitte der Stube, eine Badewanne aus Holz, ein feuerbeheizter Zuber unter freiem Himmel, eine urgemütliche Essecke mit Bodenklappe (da lagert der Wein) und eine Kochnische mit gusseisernen Pfannen und alten Tonkrügen. Als ich das erste Mal hierher kam, konnte ich mein Glück nicht fassen. Alles hier reduziert die Sinne aufs Wesentliche. Der pure Genuss für jeden, der sich sonst dem monströsen Dauerbeschuss der Großstadt aussetzt.

Seinerzeit | Florian Weiss

Hüttenzauber im Hüttenzuber. Der Hot-Pot

Das „Seinerzeit“ ist heute kein Geheimtipp mehr. Es gibt Nachahmer, und auch die sind nicht verkehrt. Das Bergdorf „Priesteregg“ im Salzburger Land, die „Wood Ridge“ Chalets am Eulersberg oder die Alpen Lodges auf der Alpspitze. Aber das Original steht in Kärnten. Und weil es da seit zwanzig Jahren steht, hat es sich längst mit der Natur verbündet. Das macht es einzigartig. Die Wege sind verwachsen, der Teich voller Fische, die Tannen nehmen sich den Platz, den sie brauchen. Es gibt zwei Saunen mit Blick ins Tal, ein altes Gasthaus, in dem ein hervorragender Palatschinken gezaubert wird, einen Stall, der zwei Esel beherbergt, zwei benachbarte Hängebauchschweine, an die zwanzig Katzen, einen Kaninchenbau und ein Insekten-„Hotel“. Das Frühstück wird morgens auf die Hütte gebracht. Das Abendessen auch, außer man kocht selbst, was echt Spaß machen kann in der winzigen Küche. Wer keinen Finger krumm machen will: das Käsefondue ist das Beste, das ich jemals gegessen habe.

Seinerzeit | Florian Weiss

Die Stube unseres Chalets

Das „Seinerzeit“ hat fünf Sterne, und die hat es auch zu Recht. Der Preis ist entsprechend hoch. Ich gönne mir jedes Jahr drei oder vier Tage. Die reichen um die Batterien wieder für ein paar Monate aufzuladen.

Ich bin 2011 zum ersten mal hierher gekommen. Natürlich weil ich eine Frau beeindrucken wollte… die Frau, die mich drei Jahre später geheiratet hat.

 

 

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