Von Luft und Liebe – Kinderhaus „Atemreich“ Folge 1

Ich bin an diesem Ort an dem Kinder vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche piepsen. Mal schneller, mal langsamer, mal durchgehend. Dieser Ort heißt „Atemreich“. Hier leben kleine Menschen, die nicht selbstständig atmen können. Sie haben einen Schlauch im Hals, der Luft in ihre Lungen pumpt. Eine Lebensversicherung aus Kunststoff und nem Akku dran. Aber es gibt da noch etwas anderes was diese Kinder am Leben hält. Ein Leben, das laut der Ärzte für die meisten hier schon viel früher hätte enden müssen, vertraut man den Gesetzen der Schulmedizin. Ihr müsst diese kleinen Wunder, diese Überlebenskünstler unbedingt kennen lernen. Ich nehme Euch mit ins Atemreich. Hier lernen die Gesunden von den „Kranken“. Ein wunderbarer Ort.

Ich begegne Felicitas Hanne zum ersten Mal im Herbst 2010. Eines von sechs Interviews für meinen Sonntags-Talk auf Antenne Bayern. Ich weiß zu diesem Zeitpunkt nur dass diese Frau eine Art Kinderhospiz leitet. Einen Ort für die Kleinen, die’ s richtig schwer hatten und haben. Kranke und Behinderte, Frühchen, vom Leben Gebeutelte, die direkt von der Intensivstation hierher gebracht wurden. Die vielleicht nicht mehr lange leben werden. Das muss ein furchtbarer Job sein. Ich rechne mit einem gebrochenen Menschen, einer Frau, die die Arbeit macht, die sonst keiner machen will. Sterbende, unschuldige, leidende Kinder. Schlimmer geht’s nicht. Eine Stunde später kucke ich ziemlich blöd aus der Wäsche. Da sitzt eine strahlende Münchenerin vor mir, die nicht weiß wohin mit ihrer guten Laune. Und aus der es schon nach ein paar Minuten herausplatzt… „Herr Weiss, ich habe den besten Job der Welt“. Frau Hanne, ich komme.

Es dauert fast zwei Jahre bis ich diese Ansage in die Tat umsetze. Ihr wisst selbst wie das ist. Das Feuer der Euphorie des Moments erlischt schnell wenn wieder zwanzig andere Dooftermine dazwischen kommen und dann doch der Antrieb fehlt weil der Zauber dieses Augenblicks, in dem man den Entschluss fasst, flüchtig ist. Leider. Aber manchmal kommt die Gelegenheit zurück und lacht Dich einladend an – und Du weißt jetzt wird es Zeit sich drauf ein zu lassen. Also hole ich das ZDF ins Boot, melde mich bei Frau Hanne für ein Kurzpraktikum an und klingle an der Pforte.

Ich versuche mal zu beschreiben was das Atemreich ist, denn eigentlich gibt es nichts vergleichbares in Deutschland. Oder andersrum. Vielleicht ist es besser erst mal zu sagen was das Atemreich NICHT ist. Es ist zum Beispiel kein Kinderhospiz. Denn Kinder kommen nicht hierher um zu sterben, sie kommen hierher um das Überleben zu lernen. Technisch gesehen ist es eine Kinderintensivpflege, praktisch eher ein Kindergarten. Ein Kindergarten mit eintausendfünfhundert (!!!) Steckdosen damit keinem die Luft ausgeht. Gäbe es das Atemreich nicht würden diese Kinder auf der Intensivstation einchecken – in manchen Fällen bis zu ihrem letzten Atemzug an einer Maschine.

Ihr kennt Intensivstationen aus dem Fernsehen… sterile Räume im ewigen Schatten. Ärzte, Krankenschwestern und blinkende Monitor-Pyramiden links und rechts eines Höhen- und Seiten verstellbaren Ungetüms aus Stahl und Kaltschaum. Und irgendwo da drin liegt ein kleiner Mensch, der all das zum Überleben braucht, sich aber nichts sehnlicher wünscht als nur für einen Augenblick zu sehen was hinter der schweren, dunkelgrünen Eisentür auf ihn wartet. Und diese Tür öffnet das Atemreich. Da gibt’s zwar auch Apparate die blinken und piepsen, Magensonden gegen den Hunger, Messgeräte für die Sauerstoffsättigung und der Schlauch, der die Atemluft durch den kleinen Lungenschnitt im Hals in den Kreislauf pumpt. Aber da gibt’s eben auch die Gruppen „Sonnengelb“ und „Meeresblau“. Da gibt’s andere Kinder, Spielecken, einen Garten, Trommeln, Rasseln, Gesang und große Matratzen. Das Atemreich ist bunt wie ein Kindergarten und dennoch gesund genug für die, deren Leben rund um die Uhr gerettet werden muss.

Sendetermine:
ZDF – „Volle Kanne – Service täglich“
12. bis 14. Dezember 2012
09.05 Uhr bis 10.30 Uhr

Interessante Links:
Kinderhaus Atemreich
ZDF „Volle Kanne“  

3 thoughts on “Von Luft und Liebe – Kinderhaus „Atemreich“ Folge 1

  1. Hallo Florian,
    wir haben deine Reportage in der Schule gelesen und deinen Film angeschaut.
    Wir fnden gut, was die Leute dort leisten und den Kinder bieten. Diese Tat hat Respekt verdient!
    Wir wünschen dir, den Kindern, deren Eltern und dem Team vom Atemreich frohe Weihnachten 🙂

  2. 3 Jahre war das KinderHaus AtemReich das zuhause unseres Kleinsten . Seit einem Jahr ist der Sasha jetzt zuhause und er wächst und gedeiht . Seit Januar geht er in den KIndergarten in Forstinning . Sasha hat die drei Jahre im Kinderhaus gebracht und wir auch . Nächstes Jahr im Sommer bekommt er seine Kanüle heraus und dann schauen wir weiter . Wir wünschen Frau Hanne und Dem KinderhausTeam ein schönes besinnliches Weihnachtsfest . Ihre Familie Stefan

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