Mit großen Fischen schwimmen

Hast Du Doch schon mal weit draußen Deinen Kopf unter Wasser gesteckt und durch eine  Taucherbrille in ein blaues Nichts geblickt? Und mit Nichts meine ich auch nichts. Kein Riff, kein reflektierendes Licht vom weissen Sand am Grund, kein Bezugspunkt, der Sicherheit gibt. Unter Dir tut sich ein Abgrund in diffusem Blau auf, der sich nach wenigen hundert Metern in totaler Finsternis verliert. Dieses Gefühl macht den meisten Menschen Angst. Es ist wie die Tür in ein unbekanntes Universum…

Florian Weiss | Mit großen Fischen schwimmen

Roca Partida. die kleinste Insel Mexikos. 800 Kilometer vom Festland entfernt

Ich hatte als Kind diesen Alptraum, über dem Marianengraben, der tiefsten erforschten Stelle der Weltmeere, zu schwimmen und plötzlich zu sinken. Ich weiß nicht warum mich ich trotzdem mit Anfang dreißig und gerade frisch getrennt, von einem Freund zu einer Tauchsafari auf den Malediven habe überreden lassen. Zwei Wochen auf einem dürftig ausgestatteten Boot, mit acht anderen Wasserratten in viel zu kleinen Kajüten und einem chronisch griesgrämigen Expeditionsleiter. Kaum zu glauben, aber das hat meine Leben für immer verändert. Ich wollte danach keine Städte mehr sehen, Berge besteigen oder Roadtrips machen. Ich wollte nur noch mit großen Fischen schwimmen. Und das habe ich getan bis das Konto nicht mehr blau sondern tiefrot war. Es war mir egal. Diese Reisen haben mir tausende, unbezahlbare Momente für immer in mein Gedächtnis gebrannt. Ich bin mit wilden Orcas auf Galapagos getaucht, habe Schulen mit hunderten Hammerhaien auf Cocos passieren lassen, bin in Mexiko im Schatten der größten Mantas der Welt geschwommen, habe auf den Bahamas die Muskeln eines zwei Zentner schweren Tigerhai Weibchens mit meinen eigenen Händen gespürt und weit draussen auf dem offenen Pazifik in fast vierzig Metern Tiefe die Schwanzflosse eines ausgewachsenen Walhais knapp verfehlt… besser ist das. Ein Rempler vom größten Fisch der Welt ist wie, wenn man vom Bus angefahren wird.

Ich möchte, dass meine Kinder eines Tages die Chance haben das zu sehen, was ich gesehen habe. Weil es wunderschön ist. Weil man nirgendwo sonst wilden Tieren so nahe kommt. weil tauchen wie fliegen in unerforschten Galaxien ist. Vielleicht auch weil es in uns drin ist. Wir kommen aus dem Wasser, wir sind aus Wasser gemacht. Wir sollten also allein schon aus genetischen Gründen eine Vorliebe für Wasser haben. Ich weiss heute, nach allem was ich gesehen, gehört und gelesen habe, dass die Weltmeere nicht nur der Ursprung allen Lebens sind, sondern auch das Ende. Ein Ende, dass wir in beängstigender Geschwindigkeit vorantreiben. Wir überfischen, vergiften und rotten aus – mit militärischer Präzision. Die Menschen führen Krieg gegen den Fisch. Die großen Flotten arbeiten mit High-Tech Kriegsgeräten um Schwärme in immer tieferen Tiefen auf zu spüren. Dabei wird nur ein überschaubarer Teil wirklich gegessen. Für ein Kilo Schrimps landen laut Greenpeace und WWF bis zu 20 Kilo (!!!) Kilo Beifang tot im Meer. Die Quote für Fischstäbchen ist in einigen Teilen der Welt ähnlich dramatisch. Schildkröten, Robben, Delfine, Haie, Rochen und andere Tiere, die als nicht „verwertbar“ gelten, werden tot ins Meer zurück gekippt. Sie ersticken in den Netzen oder an Bord bevor sie aussortiert werden können. Die Statistiken sind erschreckend, die Folgen nicht absehbar. Wir zerstören das Ökosystem, dass mehr als zwei Drittel der Menschheit ernährt. Noch.

Florian Weiss | Mit großen Fischen schwimmen

Synchronschwimmen mit einem Großen Pazifischen Manta vor Mexiko

„Der Mensch schützt und bewahrt, was er liebt“. Das hat einer der berühmtesten Taucher der Welt, Jacques Cousteau, gesagt. Vielleicht liebst Du das Meer und seine Bewohner nach meinem Film und diesem Blog ein wenig mehr. Weil ich ganz fest daran glaube, dass wir es nicht ohne sie schaffen. Die gute Nachricht ist: wir KÖNNEN es schaffen. Wir machen Fortschritte! Die Menschen begreifen MEER und MEHR. in China ist die Nachfrage nach Haifischflossensuppe um fast 85% zurück gegangen nachdem prominente Tierschützer und Organisationen jahrelang auf das brutale Abschlachten aufmerksam gemacht haben. Bis heute starben jedes Jahr mindestens siebzig Millionen Haie für eine geschmacksneutrale Suppe. Die chinesische Regierung konnte irgendwann gar nicht mehr anders, als diese „Delikatesse“ von offiziellen Staatsbanketten zu streichen. Ich hoffe, die Zahlen sinken nun endlich.

Es gibt noch mehr gute Nachrichten: die Aktie von Sea World ist im August 2014 um ein Viertel eingebrochen nachdem die Dokumentation „Blackfish“ um die Weit ging. Der Film zeigt das, was Sea World nicht zeigt: Orcas und Delphine in viel zu kleinen Becken. Angriffe gegen Trainer aufgrund schwerer Neurosen nach jahrelanger Misshandlung. Inzwischen hat auch der letzte Flipper Fan zumindest mal davon gehört, dass Tiere, die in der Wildnis jeden Tag mehrere Kilometer in großen Familienverbänden zurücklegen, ihr Leben nicht alleine in einer Badewanne verbringen sollten. Aber Sea World ist eine Multimillionen-Dollar AG, die die Rendite schon immer über das Wohl ihrer Akteure gestellt hat. Denen ist es scheissegal ob ein Orca durchdreht, solange genug zahlende Kunden ihren Folterzirkus finanzieren. Den Menschen offenbar nicht, sie lehnen Sea World mehr und mehr ab. Danke.

Und dann habe ich von einem 19jährigen gehört, der ein weltweites Projekt namens „The Ocean Cleanup“ vorantreibt. Der Junge will tausende Tonnen Plastikmüll aus den Meeren fischen ohne einen einzigen Fisch dabei zu verletzen. Die Idee ist klasse, das Geld dafür kommt von tausenden Privatspendern. Ich glaube, dieser Plan ist so verrückt, dass er klappen könnte. https://fund.theoceancleanup.com

Florian Weiss | Mit großen Fischen schwimmen

Walhai Begegnung in Galapagos in fast 40 Metern Tiefe

„Wenn die Ozeane sterben, sterben wir“. Diesen Satz predigt Paul Watson seit fast vierzig Jahren. Der Mann, der in den 70ern die inzwischen größte und wahrscheinlich effektivste Meeresschutz Organisation der Welt, „Sea Shepherd“, gegründet hat. Ich glaube ihm. Und ich hoffe, wir kriegen die Kurve. Sonst werden die Bilder, die ich Euch von meinen Reisen mitgebracht habe, nie wieder lebendig.

Noch eine letzte Sache. Ich bin ein paar mal gefragt worden, was man denn noch aus dem Meer essen könne ohne alles falsch zu machen. Am besten so wenig wie möglich. Aber das hört keiner gerne. Wenn also Fisch, dann lieber kleinen als großen. Denn Sardinen oder Sardellen pflanzen sich sehr viel schneller fort als beispielsweise Thunfisch. Der muss mindestens fünf Jahre überleben um geschlechtsreif zu werden. Und das ist in Mittelmeer und Atlantik inzwischen fast unmöglich. Dort wurden 85% der Bestände ausgerottet um unsere Pizzen und Reisbällchen zu bestücken (einen sehr anschaulichen und kurzen Beitrag dazu findet Ihr hier: https://www.youtube.com/watch?v=F6nwZUkBeas. Was ist mit Lachs? Auf den meisten Supermarkt-Verpackungen steht „Aus Aquakultur in Norwegen“. Ist das gut oder schlecht? Ich habe mich in diesem Fall auf Christian Rach verlassen. Der hat einen Betrieb besucht und kritische Fragen gestellt. Das Ergebnis schmeckt dem Lachsfan. Verhältnismäßig viel Platz in den Netzen. Kein Einsatz von Antibiotika. Gemüse im Futter. Und vor dem Schlachten werden die Fische per Elektroschock betäubt (https://www.youtube.com/watch?v=QMZlREywT0c). Kann man so glauben. Ob es deshalb gut und richtig ist, muss jeder für sich entscheiden.

Ich sehe Fische lieber schwimmen.

Florian Weiss

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