Rollstuhlfahrer für 48 Stunden

Ich sitze zwei Tage in einem Rollstuhl. Ich bin weitestgehend auf mich gestellt, so wie die meisten der 1,5 Millionen Rollstuhlfahrer in Deutschland. Keine fremde Hilfe – außer es geht überhaupt nicht mehr weiter. Warum dieses Experiment? Ich glaube es  ist richtig und wichtig Dinge ab und zu aus einer anderen Perspektive zu sehen. Und das dürfen Sie in diesem Fall gerne auch wörtlich nehmen. Denn als Rollstuhlfahrer ist man auf Augenhöhe mit Hinterteilen, während das eigene mit Kopfsteinpflaster und ohne Stoßdämpfer klar kommen muss.

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Ich bekomme eine kurze, überlebenswichtige Einweisung für das Überwinden von Bordsteinen. Die sind überall und die muss ich können. Ziel ist die kleinen Vorderräder anzuheben, dabei nicht nach hinten zu kippen und mit den Hinterrädern noch ein paar Zentimeter weiter zu rollen. Bekomme ich hin. Fünfundzwanzig Jahre auf Skate- und Snowboard sind ne gute Voraussetzung für Gleichgewichtsgefühl.  Otto, der Einweiser vom Sanitätshaus, macht noch ein paar Übungen mit mir, klatscht ab und entlässt mich in die in innerstädtische Wildnis. Mein Kamerateam von der ulmedia darf nicht helfen, nur fahren wenn die Distanz zu groß ist. Ich brauche knappe sechs Minuten um mich aus dem Rolli auf den Beifahrersitz zu hieven. Meine Arme darf ich benutzen, meine Beine nicht. Unbewusst arbeiten meine Oberschenkel natürlich trotzdem mit, meine Muskulatur ist konditioniert darauf. Es geht gar nicht anders, selbst wenn ich mich die ganze Zeit konzentriere.  Wäre ich tatsächlich hüftabwärts gelähmt, würde das Ein- und Aussteigen zumindest am Anfang länger dauern – zwei ausgewachsene Haxen bringen ordentlich Kilos auf die Waage. Und die muss ich ja ständig irgendwo rein oder raushieven.

Ich maße mir nicht an zu begreifen wie sich das Leben ändert wenn Du von heute auf morgen wirklich im Rollstuhl sitzt. Für mich ist es ein Abenteuer das nach zwei Tagen endet. Für einen echten Rollstuhlfahrer ist es ein kompletter Reset. Die müssen ihr Leben ab diesem Tag, an dem sie sich für immer zwischen zwei Speichenräder setzen, ganz anders angehen, meistern, sortieren. Trotzdem bekomme ich einen Eindruck. Vor allem für die kleinen Herausforderungen wenn man tiefer sitzt.

Florian Weiss - ZDF - Dokumentation

Ich lerne ständig Leute kennen weil ich ständig fragen muss oder gefragt werde. Ich suche Aufzüge, ebenerdige Toiletten, Straßenübergänge mit abgesenktem Bordstein, Zucchini im untersten Gemüseregal, jemand der mir den Rolli aus dem Kofferraum holt und jemand der ihn wieder dorthin zurück bringt. Meine Oberschenkel werden klatschnass weil sie  ja horizontal aufliegen und ich beim Anschieben keine Hand frei habe um einen Regenschirm zu halten. Meine Finger werden eiskalt weil sie sich die ganze Zeit an die Metallringe zum Anschieben und Bremsen der Räder klammern. Ich entdecke kleine Laderampen in Bussen und Trambahnen die mir früher nie aufgefallen wären. Ich stelle fest das jeder Gehweg leicht abschüssig ist damit Wasser ablaufen kann. Merkt man nicht wenn man läuft, merkt man aber wenn man sitzt und fährt. Der Rolli kriegt sofort einen Drall nach links oder rechts.  Ist anstrengender weil ich andauernd gegensteuern muss.

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Ich schaffe es alleine auf die Kloschüssel, muss aber höllisch aufpassen dass ich mich nicht selbst einnässe. Logisch, ich sitze und kann die Hose nicht ganz runterziehen. Ich kann mir die Haare nicht vernünftig stylen weil der Badezimmerspiegel zu hoch hängt. Ich gehe nicht mehr mit dem Hund Gassi sondern er mit mir. Und meine Mutter fängt fast das heulen an weil keine Mama auf dieser Welt ihr Kind in einem Rollstuhl sehen will (selbst wenn es nur ein Experiment ist wie in meinem Fall). Ich muss meinen sechzigjährigen Nachbarn  bitten mich in die Hochparterre Wohnung zu schleppen. Der arme Mann hebt sich fast einen Bruch. Ich sehe viel mehr Dreck auf der Straße weil ich näher dran bin. Ich habe viel mehr Blickkontakt zu kleinen Kindern als zu Erwachsenen denn die sind auf meiner Augenhöhe. Und ich stelle immer wieder fest wie hilfreich die Menschen sind. Egal wann, egal wo, egal warum. Es gibt immer jemanden der mir  zur Hand geht. Großartig. Hätte ich vorher nicht gedacht.

Florian Weiss - ZDF Dokumentation

Ich habe außerdem einen monströsen Muskelkater in den Armen und Schultern. Und ich schnaufe durch als ich nach achtundvierzig Stunden wieder aufstehe. Ehrlich, ich habe in diesen zwei Tagen im Rolli oft durchgeschnauft. Jedes mal wenn ich etwas geschafft habe. Und ich habe ne Menge geschafft. Ich bin Bordsteine rauf und runter gefahren und alleine Bus gefahren, habe Fußgänger überholt, war ohne fremde Hilfe auf dem Klo und Gassi mit meiner Hündin Emma. All diese alltäglichen Nebensächlichkeiten sind für jemanden der von heute auf morgen in einem Rollstuhl sitzt große Erfolgserlebnisse… und ich ziehe den Hut vor all den Helden auf zwei Rädern. Weil sie in einer Welt voller Hürden leben und sie dennoch alle meistern.

Sendetermine:
ZDF – “Volle Kanne – Service täglich”
19. und 20. Dezember 2012
09.05 Uhr bis 10.30 Uhr

Interessante Links:
ZDF “Volle Kanne”  

8 thoughts on “Rollstuhlfahrer für 48 Stunden

  1. Ich fand die beiden Beiträge sehr gut gemacht und sie zeigen die typischen alltäglichen Probleme auf, die man als Rollstuhlfahrer hat und die einem als Fußgänger häufig gar nicht auffallen. Daß der Beitrag über einen Fußgänger im Rollstuhl war und nicht über einen erfahrenen Rollstuhlfahrer, fand ich gut, weil man selber (ich bin selber Rollstuhlfahrerin) nach vielen Jahren Rollstuhlnutzung einige Hindernisse gar nicht mehr so wahrnimmt, wie jemand, für den es ganz neu ist.

  2. Perspektivwechsel ist super. Sollten alle verantwortlichen mal machen – Architekten, Stadtplaner, Leute vom Tiefbauamt, Kneipenbetreiber, Busfahrer… Ich kann mich immer totärgern, wenn Neubauten, neue Kneipen, Geschäfte etc. STUFEN haben! Und selbst Arztpraxen! Freie Arztwahl – fürn Ar***!

  3. Hallo Frank, hallo DaniB, Danke für‘ s Feedback. mir war von Anfang an klar dass ich mich als Protagonist bei einem solchen Experiment auf dünnem Eis bewege. Es handelt sich nun mal um das Experiment eines „Gehenden“, heißt ich schildere meine Eindrücke ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder gar das Abbilden der alltäglichen Wirklichkeit eines Rollstuhlfahrers. Ich bin interessiert an dieser Lebenswelt und die Sichtweise eines Nicht-Rollstuhlfahrers ist natürlich eine ganz andere als die eines echten Rollstuhlfahrers. Dazu kommt dass da draußen auch viele RollstuhlFahrer „auf Zeit“ unterwegs sind. Nach Sportverletzungen oder wegen eines Reha Aufenthaltes. Denen wollten wir mit diesen Eindrücken auch gerecht werden. Es war ein gutgemeintes Experiment, ich hoffe das wurde auch so verstanden.

  4. Habe mir soeben den Bericht auf der Videothek angeschaut und meine Vorurteile sind voll bestätigt worden. Oberflächlich, unrealistisch, aber von einem geschauspielerten Rollifahrer nicht anders zu erwarten. Der Anregung von Frank würde ich voll zustimmen – warum nicht einen echten Rollifahrer dazunehmen? Gibt genug davon (und der fällt auch mit Einkäufen auf dem Schoß nicht auf die Straße…).

  5. Hi Leute. Der Bericht war sehr oberflächlich gemacht. Ich glaube mit fast 39 Jahren Rollstuhl Erfahrung darf das sagen. Warum nehmt ihr nicht einen echten rollifahrer dazu? Ihr gebt viel Kohle aus für nichts. Hier wäre es besser gewesen mehr zu investieren. Ansonsten ist das Thema schon ok.
    Frohe Weihnachten von Frank Löchel.

  6. Hallo Florian,
    Unsere Klasse findet es sehr gut ,das sich Leute trauen , solch ein Experiment durchzuführen. Unserer Meinung nach sehr Gut !
    Lg Klasse 9 D

  7. Gratuliere fürs durchhalten auch wenn das was sie zeigen oft nur die Hälfte ist von dem was einen erwartet wenn man im Rolli sitzt.

  8. Find es so gut wenn mann als gesunder mann sich in dass Leben der Rollstuhlfahrer so mal aus deren perespekttive zu sehen.Gratuliere und sie koennen stolz auf sich sein zwei Tage auszuhalten

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