Tanzen im Dunkeln

Ich hatte vor kurzem eine ganz besondere Nacht mit Fabian. Wir haben getrunken,  geredet, gelacht. Ich war mit ihm auf der Toilette, habe ihn AN der Hand über die Tanzfläche und MIT der Hand das Glas zum Mund geführt. Fabian ist ein Bekannter meiner Freundin. Er ist fünfunddreißig Jahre alt und seit seiner Geburt blind. Auf dieser Faschingsfete hat er uns trotz dieses Handicaps alle rechts überholt.

Fabians Pilotenanzug ist dunkelblau, faltenfrei und passt perfekt. Die Mütze mit Flügel-Aufstecker über dem steifen Schirm sitzt nicht zu hoch und nicht zu tief. Sie sitzt genau richtig. Wie alles an Fabian. Ich frage ihn wer ihn angezogen hat. Er grinst nur und schüttelt den Kopf. Niemand, denn Fabian lebt alleine. Er braucht keinen Spiegel um zu wissen wie ein Pilot aus zu sehen hat. Woher? Er stellt es sich vor. Ich bin ziemlich beeindruckt und kucke an mir runter. Der linke Träger meiner Latzhose hängt durch, mein Plastikhammer kuckt verkehrt herum aus meinem Bauarbeitergürtel raus und mein Helm sitzt schief über meiner angerussten Stirn. Ich trinke das Bier noch nicht mal aus der Flasche wie’ s ein echter Bauarbeiter tut, ich trinke aus dem Glas. Alles falsch gemacht. Fabian lacht.

Wir sitzen an einer langen Tafel im Bürgerhaus von Fischbach in Hessen. Ein kleiner Ort mit langer Fassenachtstradition. Den Verein gibt es seit 1958. Die Sitzungen im Januar und Februar sind seit Monaten ausverkauft. Wir haben nur Karten bekommen weil mein Mädel hier singt und tanzt. Die Sause hat Stil. Die Büttenreden sind zum brüllen, Bier und Wein fliesen in Strömen. Fabian ist ganz vorne mit dabei. Würde er nicht ab und zu an mir vorbei kucken, ich würde gar nicht merken dass er blind ist.

Die erste Runde geht auf mich, die zweite auf ihn. Er zahlt mit Scheinen. Ein Fünfer  und ein Zehner. Ich wundere mich erst Stunden später. Fabian sagt, er spüre Größe und Beschaffenheit und kenne die Unterschiede. Ich nehme mein Geld in die Hand und spüre rein gar nichts. Münzen gehen gerade noch, wobei ich mit Mühe und Not ein zehn Cent Stück von einem Euro unterscheiden kann. Bei fünfzig Cent im Vergleich zu einem Euro bin ich chancenlos – und Papiergeld ist utopisch. Er zuckt mit den Schultern und sagt Übungssache. Wie Alles, wenn man nix mehr sieht und das Leben dennoch so leben will wie es die Anderen tun.

Nach der Sitzung ist Party in der Sektbar nebenan und Fabian tanzt als gäbe es kein Morgen mehr. Er tanzt mit einem randvollen Bacardi/Cola Glas in der Hand ohne auch nur einen Tropfen zu verschütten. Das bekomme ich noch nicht mal sehend und nüchtern hin. Überhaupt hat der Junge ein Körpergefühl das seinesgleichen sucht. Er hat sich selbst oder andere noch nie in einer Disco gesehen, aber er kann es. Liegt vielleicht auch daran, dass er einfach loslegt. Fabian denkt nicht an die Jungs aus den coolen Musikvideos oder den F-Kurs in der zehnten Klasse. Er folgt seinem Instinkt, seinem Bewegungsdrang. Und das sieht niemals unbeholfen oder peinlich oder doof aus – schon allein deshalb weil er es aus Überzeugung tut.

Vielleicht sind wir, die Sehenden, manchmal überfordert. Die unzähligen Bilder, Reize, Informationen, die jeden Tag auf unsere Netzhaut treffen, strengen an. Sie verwirren. Manchmal verliert man den Blick fürs Wesentliche. Fabian hat ihn. Auf seine Art und Weise.

Es gab in dieser Nacht nur eine Sache bei der er immer einen von uns um Hilfe gebeten hat. Der Weg zur Toilette. Natürlich schafft er den auch alleine, dauert halt ein bisschen länger. Aber er hatte einfach Angst einen guten Song zu verpassen…

9 thoughts on “Tanzen im Dunkeln

  1. Konnte beobachten wie ein Blinder Fliegen fängt.War doch sehr erstaunt wie präziese der Schlag war. Und tot die Fliege.Wau.

  2. Hallo, Herr Weiss,
    danke für den tollen,treffenden Bericht!!
    Als Kind hatte ich bei einem blinden Flötenlehrer Unterricht. Meine Angst vor ihm war so groß, dass ich nur zweimal hingegangen bin.
    Erst durch Fabian, den ich seit seiner Geburt kenne, lernte ich „normal“ mit Blinden und auch Behinderten umzugehen.
    Ihr Bericht erinnerte mich sofort an eine gemeinsame Tanznacht mit Fabian in Süditalien: unbeschwert, ungezwungen, leicht…
    Schreiben Sie weiter so!!
    Liebe Grüße
    Beatrix Eckert

  3. Hallo Florian,
    Dein Bericht über Fabian ist wirklich 1:1 geschrieben. Ich selbst habe ihn an diesem Abend auch kennen gelernt und durfte ihn sogar zu seinem Platz im Saal begleiten. Auch am nächsten Tag war Fabian gleich das Gesprächsthema zwischen meiner Frau und mir. Hut ab!! Von so einem positiv eingestelltem Menschen können wir uns alle noch eine Scheibe abschneiden ! Wir freuen uns auf ein Wiedersehen mit Fabian.
    Liebe Grüße
    Klaus & Rita

  4. Hallo Flo
    Toller Artikel!
    Es war wirkich ein schöner Abend….
    Corinna und ich waren letztes Jahr in Frankurt im Dialogmuseum. Dort können sehende Menschen die Welt der Blinden erleben. Ich habe lange mit mir gekämpft dort hin zugehen, weil ich sehr große Platzangst habe, aber es wahr wirklich eine Erfahrung, die ich nicht missen will. Ein bisschen stolz bin ich auch, weil ich meine Angst überwunden habe. Das lag aber nur daran das ich unserem blinden Führer voll vertraut habe. Jeder sehende Mensch sollte einmal in dieses Museum gehen, um zu erleben, wie die Welt für nicht sehende Menschen aussieht.
    Viele Grüße
    Andi

  5. liebe leser,
    lieber schatz,

    als ich nach der ersten sitzung morgens um 4:30 fabian an der gaderobe getroffen habe-das tun wir übrigens zufälligerweise IMMER dort um diese Uhrzeit- entstand das date zur zweiten sitzung eher so nebenbei.
    und dann,am tag der zweiten sitzung selbst, hatten wir tatsächlich ne karte über.
    also schnell fabian anrufen-und super- er hatte spontan zeit.
    und dann nahmen der abend und die nacht seinen lauf…

    seit genau 20 jahren bin ich nun im verein-
    und ich hatte selten einen so gelungen abend, mit so grossartigen menschen:
    meine familie war dabei, mein toller freund und meine besten freunde.
    jeder feiert,lacht und tanzt miteinander.

    fabian wird jetzt jedes jahr mitgenommen.
    zumal ich seine selbstironische art und seine trockenen witze liebe!!!
    willkommen im club der verrückten!!
    …und danke an alle, die mit mir diese sitzung unvergesslich gemacht haben.

    helau und 100 küsse
    kris

  6. Lieber Florian,
    ich kann es nur immer wieder sagen:“Schreib, schreib, schreib“!
    Es ist immer wieder schön, auch wenn leider viel zu selten, Dich und Deine Erfahrungen im Leben zu lesen.
    Danke für diese wunderbare Geschichte über einen Menschen, der wie wir mitten im Leben steht und Dinge vollbringt, die wir uns nie vorstellen könnten!
    Liebe Grüße, Chrischdine 😉

  7. Hallo Herr Weiss,

    wunderbar ist dieser Artikel, danke dafür! Wir sind Freunde von Bänfers und kennen Fabian seit er zwei Jahre alt war. Wir haben miterlebt, wie er langsam seine Sehfähigkeit verlor und gleichzeitig an dieser Aufgabe wuchs: einfach großartig! Vielleicht hilft Ihr Artikel den Lesern, ein wenig unverkrampfter mit Sehbehinderten oder überhaupt Behinderten umzugehen, den das scheint mir eines der größten Probleme der betroffenen Menschen zu sein.
    Noch einmal danke für diese Freude, beste Grüße und schreiben Sie bloß weiter so!

    Christa v. Beust

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