Von Luft und Liebe – „Kinderhaus Atemreich“ Folge 2

Ich treffe die kleine Eila beim Frühstück. Wäre es nach ihren Ärzten gegangen, hätte sie ihren zweiten Geburtstag gar nicht mehr erlebt. Heute ist sie fünf und sowas von am Start. Nicht weil es das Leben nach der ersten Hiobsbotschaft gut mit ihr gemeint hätte – im Gegenteil. Nein, weil dieses kleine Mädchen für ihre Eigenständigkeit gekämpft und gewonnen hat.

Sie hantiert mit ihrem Beatmungsschlauch herum wie eine Schwester, steckt ihn selbstständig rein und raus. Sie kurvt mit ihrem kleinen Rolli durch die Gänge und isst fast ohne fremde Hilfe. Sie putzt sich die Zähne, wäscht ihren kleinen Bauch wenn der stabilisierende Plastiktorso abgenommen wird und cremt sich sogar die Füße ein. Die kann sie erst seit einem Jahr nicht mehr bewegen. Nach einer OP war sie plötzlich querschnittgelähmt. Ich würde mit derselben Diagnose wahrscheinlich wochenlang flennen und das Leben verfluchen, die kleine Eila aber hat den Zeigefinger auf ihre geschlossenen Lippen gelegt und der Krankenschwester geflüstert „pssssst, nicht so laut. Meine Beine schlafen noch“.

Felicitas Hanne, die Schöpferin dieses wunderbaren Ortes, erzählt mir wie Eila erst vor kurzem auf den Tod einer kleinen Mitbewohnerin reagiert hat. Als der Leichenwagen vorfuhr kommentierte sie die schwarze Limousine mit den Worten „das muss das Taxi sein das meine Freundin in den Himmel bringt“. Das gehört sich vielleicht nicht, aber ich musste echt laut lachen. DAS können nur Kinder. Sich in der größten Tragik die Welt so erklären dass es wieder okay für sie ist. Eltern werden jetzt vielleicht sagen, das hätte auch von ihrem Nachwuchs kommen können. Stimmt, denn Eila ist  (abgesehen von ihren körperlichen Handicaps) nicht anders als andere Kinder in ihrem Alter. Sie muss sich nur schon jetzt mit Themen auseinandersetzen, denen selbst wir Erwachsene am liebsten für immer aus dem Weg gehen würden. Und sie hat ihren Mitstreitern hier noch etwas voraus. Eila spricht. Alle anderen kleinen Bewohner des Atemreichs können das nicht mehr, konnten es in einigen Fällen noch nie. Manche sind taub oder blind oder beides. Diese Kinder können nicht um Hilfe rufen, beschreiben was ihnen weh tut, das ihnen gerade langweilig ist oder was sie mit diesem neuen Spielzeug anfangen sollen.

ICH bin es der lernen muss sie zu verstehen, zu begreifen was gerade Sache ist. Beim übermütigen Maxl, dem kleinen Lukas, der verträumten Natalja, der verspielten Vroni, Lisa, Leon, Mario und den anderen Kindern. Und das ist für mich die schönste Erfahrung in diesen drei Tagen Kurzpraktikum. Ich muss mir Zeit nehmen und runterfahren damit das was wird. Hier geht nix mal schnell schnell, hier dauerts oft Stunden, Tage oder Wochen bis ein Kind wiedererkennt, vertraut und Freundschaft schließt. Und selbst WENN es das dann tut, muss ich es erkennen und richtig interpretieren. Dieser kleine Mensch sagt ja nichts. Er nickt noch nicht mal. Da läuft viel auf einer anderen Ebene ab, eine Ebene, die wir Erwachsenen in unserem rationalen Alltag längst vergessen haben. Weil wir zu viel sehen und zu wenig spüren. Hier ist das anders. Ohne viel Körperkontakt gibt es keinen Kontakt. Ich streichle und lasse mich streicheln. Und wenn das nicht reicht, darf ich auch richtig zupacken. Maxl zum Beispiel LIEBT es wenn er ordentlich durchgeschüttelt wird. Ich walze ihn von links nach rechts und nach wenigen Sekunden strahlt er über beide Ohren, wird knallrot im Gesicht. Pflegerin Kristina erzählt mir vom tollsten Tag seines Lebens, der FC Bayern Meisterfeier auf dem Marienplatz (ja, ich weiß liebe Dortmund Fans… ist schon eine Weile her).

Der kleine Mann hatte zwar keine Ahnung wer Schweinsteiger oder Lahm sind, er konnte vermutlich noch mal richtig begreifen wer da warum auf einem Balkon steht. Aber es gab Trommeln, große Trommeln. Und viel Lärm. Da steht der Maxl drauf. Es ist dass was seine Sinne am allermeisten anspricht. Krach – und Nutella auf Wattestäbchen. Klingt skurril, ist aber Alltag im Atemreich. Die meisten Kinder hier werden über Magensonden ernährt weil sie nicht selbstständig schlucken und schon gar nicht essen können. Heißt aber nicht dass sie nicht gerne schmecken. Und um den kleinen Helden ein Gefühl für richtiges Essen zu geben, benetzen die Pflegerinnen die Lippen der Kinder mit Ketchup,- Erdnussbutter- oder eben Nutellagetränkten Wattestäbchen. Für Bewohner wie den kleinen Maxi ein Weg aus seiner endlosen Dunkelheit. Maxi ist blind, taub und stumm. Wer findet in seine Welt? Und wie? Ich bin überrascht als mir Miriam Weisz, die pädagogische Leiterin des Atemreichs, erzählt was ihn erreicht. Es ist der Rasenmäher Mann. Wenn im Garten des Kinderhauses das Gras gestutzt wird, liegt Maxi auf den warmen Pflastersteinen und spürt die Vibrationen des knatternden Dieselmotors.

Und dann ist da noch Natalja. Eine junge Dame mit wunderbar vollen, dunkelbraunen Locken. Sie mag Jungs, sagen die Pflegerinnen. Kein Wunder, das Mädel ist alt genug für Schwärmereien. Blöderweise gibt es hier kaum Männer. Pädagogen und Pfleger sind meistens weiblich, ich bin ein Exot. Und das nütze ich in Nataljas Fall natürlich schamlos aus. Ich knie mich neben ihren Rolli, fasse ihr ins Haar, mache ihr ein Kompliment (und meine das auch so, die Haare sind einfach der Wahnsinn). Und dann geht die Sonne in diesem Gesicht auf. Ehrlich, ich habe nur wenige Menschen in meinem Leben so sehr strahlen sehen wie dieses Mädchen.

Sendetermine:
ZDF – „Volle Kanne – Service täglich“
12. bis 14. Dezember 2012
09.05 Uhr bis 10.30 Uhr

Interessante Links:
Kinderhaus Atemreich
ZDF „Volle Kanne“  

 

One thought on “Von Luft und Liebe – „Kinderhaus Atemreich“ Folge 2

  1. Hallo Florian,
    wir sind sehr begeistert von deiner Reportage, wir finden es gut das es für diese Kinder einen Ort zum Leben gibt und das sie ihr Leben nicht auf der Intensivstation verbringen müssen.

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