Von Luft und Liebe – „Kinderhaus Atemreich“ Folge 3

Es gibt die Eltern, die wiederkommen. Jeden Tag, jede Woche, jeden Monat. Aber es gibt auch die, die das nicht mehr tun. Die ihr Kind hier abgeben und für immer gehen. Weil sie nicht mehr in der Lage sind dieses besondere Kind zu lieben. Sie schämen und ekeln sich. Vor der eigenen Tochter oder dem eigenen Sohn. Ich halte das für einen Scherz als ich es zum ersten Mal höre. Ist es aber nicht. Im Kinderhaus Atemreich landen auch die, die ausgestoßen werden.

Ich motze natürlich erst mal drauf los. Wie kann man nur, wo ist da die Verantwortung, Rabeneltern, alle einsperren, anklagen, und so weiter. „Atemreich“ Leiterin Felicitas Hanne holt mich wieder runter. Besser hier als Zuhause, sagt sie. Denn dieses Zuhause ist in manchen Fällen für das Kind ein einziger Alptraum. Vater weg, Mutter überfordert, kein Geld da. Rund um die Uhr einen fremden Menschen vom Pflegedienst in der eigenen Wohnung weil die Betreuung eines solchen Falles nicht von Laien übernommen werden darf. Und nicht selten sind Alkohol oder Drogen im Spiel. Felicitas Hanne braucht das nicht weiter auszuführen, ich weiss was kommt. Erst schwindet die Zuneigung, dann die Liebe. Irgendwann wird der Streß unerträglich, das Kind ist schuld. Am Ende offene Abneigung, Hass, manchmal sogar Gewalt. Es gehöre viel Mut dazu sein Kind, bevor das passiert, hier abzugeben, sagt Felicitas Hanne. Weil es gegen alle gesellschaftlichen Konventionen verstößt. Weil Freunde, Familie,  Nachbarn reden könnten, den Kopf schütteln, sich abwenden. Und vor allem weil man selbst das Gefühl hat versagt zu haben. Und dieses Gefühl nimmt man mit ins eigene Grab. Es ist für immer. Trotzdem. Besser so als anders. Denn die Pfleger leisten, was diese Eltern nicht mehr leisten können. Es sind viele, sie sind ausgebildet, sie können nach der Schicht nach Hause und haben ein Privatleben. Unterm Strich ist es für diese Kinder das Beste. Und darum geht’s.

Ich lerne Sabine kennen, eine alleinerziehende Mutter von vier Kindern. Einer davon heißt Leon, liegt jetzt auf meinem Schoss und pennt. Der junge Mann mit dem Schlauch im Hals ist hier nur auf Urlaub weil Sabine einen Bandscheibenvorfall hatte und sich über mehrere Wochen nicht mehr selbst um ihn kümmern konnte. Schon bald wird sie ihn wieder mit nach Hause nehmen. Sabine ist das Gegenteil von dem was ich eben erzählt habe. Eine Kämpferin und Übermutter. Macht sogar noch nebenbei eine Ausbildung zur Kinderintensivpflegekraft damit kein fremder Pfleger mehr ins Haus kommen muss. Und dennoch steht sie alleine. Ihre Freunde haben sich abgewendet. Denen war der Streß mit Leon zu groß. Sie haben nicht verstanden warum Sabine um das Leben eines Kindes kämpft dass in ihren Augen nicht mehr lebensfähig ist. Harter Tobak. Ich muss dreimal nachfragen ob ich das alles richtig verstanden habe. Ja, ist so. Aber was soll’s, sagt sie. Auf solche Freunde könne sie auch verzichten. Sagt es und wischt ihrem Kleinen den nassen Mund ab.

Jedes Schicksal, jede Geschichte ist anders. Die Mutter von Natalja ist Anwältin, hat elf Jahre lang alles stehen und liegen lassen für ihre Tochter, sich rund um die Uhr gekümmert. Irgendwann konnte sie nicht mehr, hat das Atemreich besichtigt, diese neue Chance wieder und wieder überdacht, hunderte Gespräche mit Familie, Freunden, Ärzten und Pflegern geführt, dann alles wieder umgeschmissen, krank vor Gewissensbissen nächtelang nicht geschlafen und am Ende ihr Kind hierher gebracht. Sie besucht Natalja mehrmals die Woche, liegt mit ihr im Bett, nimmt sie stundelang in den Arm, streichelt sie – und steht bis heute vollends hinter ihrer Entscheidung. Es war das Beste für mich und das Beste für mein Mädchen, sagt sie. Es fällt schwer sein Kind mit Haut und Haaren zu lieben wenn man sich selbst nicht mehr liebt.

Ganz ähnlich ist es bei Eila. Als diese kleine Heldin auf die Welt kam – und mit ihr die niederschmetternde Diagnose – standen ihre Eltern vor einem Abgrund. Eila war die Zweitgeborene, ihre Schwester aber noch ein Kleinkind, beide Eltern berufstätig. Dazu noch die Aussage der Ärzte, Eila habe maximal zwei Jahre. Heute ist dieses Mädchen fünf und es geht ihr gut. So gut dass sie in ihrem Rolli mit mir Fango spielt. Eilas Papa kommt sie manchmal sogar nachts besuchen. Er arbeitet bei einem Sicherheitsunternehmen und manchmal hat er vor dem Morgengrauen Sehnsucht nach seiner kleinen Tochter. Die Tür im Atemreich ist immer offen.

Nicht alle Kinder hier haben dieses Glück. Ich habe in den letzten drei Tagen kleine Bewohner kennen gelernt, die ihre Eltern niemals wieder sehen werden. Ich habe aber eben auch gelernt dass das manchmal besser so ist. Denn all die Leute, die im Atemreich arbeiten, sind neben den alltäglichen und medizinischen Notwendigkeiten hier um zu umarmen, zu streicheln und zu lieben. Etwas was diese Kinder mindestens genau so dringend brauchen wie den Schlauch der ihre Lungen mit Luft füllt. Und das ist nicht nur ein Job, das ist ein Geschenk – für beide Seiten. Ganz bestimmt mein schönstes Geschenk für dieses Weihnachten.

Sendetermine:
ZDF – „Volle Kanne – Service täglich“
12. bis 14. Dezember 2012
09.05 Uhr bis 10.30 Uhr

Interessante Links:
Kinderhaus Atemreich
ZDF „Volle Kanne“  

4 thoughts on “Von Luft und Liebe – „Kinderhaus Atemreich“ Folge 3

  1. Hallo Florian,
    wir sind begeistert von deinen Eindrücken aus dem Kinderhaus „Atemreich“. Wir bewundern diese Kinder, die ihr Leben wie ganz normale Kinder leben. Vorallem die kleine Eila fasziniert uns.
    Schöne Grüße!

  2. Hallo Florian,ich bewundere sie wass sie da schafen,wuensche viel Mut,Kraft und Geduld zum weitermachen,eine gesegnete weihnachten fuers ganze Taem und die Eltern.

  3. Hallo Florian, mir geht es ähnlich wie Julee… Es macht einen demütigt, wenn man sieht mit wieviel Leid diese Menschen konfrontiert sind,und wie sie es schaffen einen fröhlichen Alltag zu gestalten.Diese Kraft und Stärke verdient Bewunderung.Ob ich sie hätte , weiß ich nicht…
    Herzliche Grüße an dieses sagenhafte Team und viel Kraft und Mut für den Alltag der Eltern.
    Herzlichst Angelika Slama

  4. Lieber Florian,
    Ich bin eigentlich sprachlos, hab aber das Gefühl ich muss was sagen. Deine 3 Berichten waren so wunderbar geschrieben…wirklich von herzen. Ich habe noch Tränen in den Augen. Ich danke dir, dass du uns allen aufmerksam gemacht hast. Das Kinderhaus Atemreich und gesamtes Team ist ein „God Send“! Ein großes Lob an euch allen!Und danke von Herzen!

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